Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Problem der Säkularisierung des Judentums
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 335 (sequence 5)
- Language
- German
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335 I s r a e 1 L e v y1 furchtet die durch den Palästinaaufbau bedingte Spaltung der Judenlieit in einen nationalen und einen religiösen Teil. Da seiner Meinung nach die zahlenmäßig stets weit überlegene Diaspora die religiöse Gemeinschaftsform beibehalten wird, so geht es nur um die Frage, wie man in Palästina der unvermeidlichen Säkularisierung ihren Stachel nehmen, das religiöse Moment zu höherer Geltung bringen kann. Das Problem erfährt eine Beschränkung auf die Grenzen Erez Israels. Seine Lösung bietet theoretisch keine sonderliche Schwierigkeit. In Palästina ist allerorten die Religion zu stärken, vorzüglich durch Errichtung religiöser Schulen und durch Förderung des religiösen ״ Jischuw“ vermittels einer eigens zu gründenden Gesellschaft. Richtig erkennt hingegen Julius Guttmann2, daß keineswegs eine besondere Palästinafrage vorliegt, sondern ein allgemeines jüdisches Problem, das überall hervortritt, wo das Bedürfnis nach einer geschlossenen jüdischen Lebenseinheit besteht. Schon in der Diaspora eine areligiose jüdische Bildungssphäre neben der Religions- Sphäre erzeugend, kann es allerdings volle, Befriedigung erst im säkularisierten jüdischen Gesamtvolkstum Palästinas finden. Nur insofern ist das Problem ״palästinozentrisch“. Die Umgestaltung des Judentums zu einer areligiösen modernen Volkskultur betrachtet Guttmann durchaus nicht als Degradierung oder gar Gefährdung der jüdischen ..Religion, sondern im Gegenteil als großen Gewinn für sie. Jetzt erst kann sie sich ganz auf ihre eigene und eigentliche Sphäre konzentrieren und ohne irgendwelche Wesensfremde Nebenrücksichten auf Gemeinschaftserhaltung oder dergl., die sie heute belasten, der Lösung ihrer speziellen Probleme, der Erfüllung ihrer besonderen Aufgaben widmen. ,,Die Unbedingtheit echter Religiosität darf wieder der ausschließliche Maßstab alles religiösen Lebens sein.“ Dergestalt vermag eine lebenskräftige jüdische Religiosität zum ״Mittelpunkt aller jüdischen Entwicklung“ zu werden. Wie anderwärts die Religionen die verschiedenen selbständigen Kulturgebiete von sich aus zu beeinflussen trachten, ohne sie äußerlich in Abhängigkeit bringen zu wollen, so muß fortan das Anliegen der jüdischen Religion die Durchdringung des säkularisierten Gesamtjudentums mit ihrem Geiste seih. Die neue jüdische Volkskultur ist darauf angewiesen, ihre Inhalte von den modernen Volkskulturen zu übernehmen. Aber formbildend kann und soll die jüdische Religion und die jüdische religiöse Ueberlieferung dabei mitwirken und sich dadurch als lebenbestimmende Macht erweisen, als Quelle einheitlicher Lebensgesinnung, als der Mittelpunkt jüdischen Lebens. Gerade die an den Aufbau Erez Israels gebundene Schaffung eines wirklichen modernen jüdischen Volkstums auf areligiöser Grundlage verleiht der jüdischen Religion, indem sie dieselbe zu einem selbständigen Teilgebiet neben den mannigfachen anderen selbständigen Teilgebieten der jüdischen Volkskultur macht, neue und weitreichende schöpferische Bedeutung. ,,Auf dem geweihten Boden Palästinas ein neues jüdisches Leben mit ihrem Geist zu erfüllen, ist die große Aufgabe, die sich jetzt der Religion des Judentums eröffnet.“ — 1 A. a. O. 2 A. a. 0.