Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Problem der Säkularisierung des Judentums
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 334 (sequence 4)
- Language
- German
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334 alle Juden einheitlich binden. Wo eine allseitige jüdische Lebensgemeinschaft, eine geschlossene jüdische Lebenseinheit erstrebt wird, liegt sie notwendig jenseits der religiösen Sphäre. Sie läßt sich nur als jüdischer Kulturzusammenhang denken'analog den modernen Nationalkulturen. Das heißt eine allseitige jüdische Lebensgemeinschaft bedeutet weltliches jüdisches Volkstum, areligiöses, säkularisiertes Judentum. Die Voraussetzung dafür bildet eigenes Land und eigene Sprache — ein hebräisches Palästina. Das heutige Werk des Palästinaaufbaus schafft eine derartige areligiöse jüdische Volkskultur, vollzieht die Säkularisierung des Judentums. Die Diasporajudenheit wird wohl weiter nach ihrer äußeren Form religiöse Gemeinschaft bleiben und hauptsächlich aus religiösen Quellen ihre innere Kraft schöpfen. Doch gibt es schon hier jenseits der religiösen Sphäre einen jüdischen Interessenkreis, der alle Geistesgebiete zu umfassen vermag, eine jüdische Bildungssphäre areligiöser Art. So eng sie gegenwärtig erscheint, so weit kann sie unter dem Einfluß eines auf blühenden Palästina und eines Aufschwungs der neuhebräischen Literatur wieder werden. — Wie man sieht, finden alle, den verschiedensten Richtungen im Judentum angehörenden Theoretiker, die das Problem ernsthaft be~ handeln, übereinstimmend: das moderne Judentum verliert mehr und mehr seine frühere einheitbildende religiöse Grundlage. Es zeigt an sich oder jedenfalls für einen großen Teil der Judenheit stärkste Tendenz, areligiöses Volkstum, säkularisierte Nationalkultur zu werden, es hört allmählich auf, Religion zu sein. Jüdische Religion ist dann nur noch etwas i m — areligiösen — Totaljudentum. Aus dieser Auffassung der Tatsachen erwächst den Theoretikern die Frage, die sie für das eigentliche Problem halten: wie steht es bei der neuen Entwicklung um die jüdische Religion? Welche Rolle spielt sie künftighin, sei es, daß man die fortschreitende Säkularisierung des Judentums als geschichtliche Notwendigkeit hinnimmt oder als unberechtigt verwirft? D i e Z u k u n f t d e r j üdischen Religio n , de s J u d entums a 1 s R e 1 i g i o n — das ist vorläufig die Frage, IL Die bisherigen Stellungnahmen zum Problem. Wie die Fassung der Frage schon erkennen ließ, kann man die Stellungnahme der Theoretiker zum Problem in zwei Hauptrichtungen einteilen, je nachdem die durchgängig festgestellte Säkularisierungstendenz des modernen Judentums als gegebene Tatsache hingenommen und die Bedeutung und Funktion der jüdischen Religion im areligiösen Gesamt]udentum zu bestimmen gesucht oder umgekehrt der neuen Entwicklung grundsätzlich die Anerkennung versagt wird und der religiöse Charakter des Gesamtjudentums für die Zukunft gesichert werden, soll. 1.. Von den Vertretern der ersten Richtung ist Klatzkin in der folgenden Darstellung auszuscheideh. Sein Interesse gilt einzig dem Prozeß der Säkularisierung des Gesamtjudehtums, nicht zugleich der Frage nach der; Zukunft der Religion. So bleiben hier Levy und Guttmann.