Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Neueste Literatur zu den Hagiographen [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
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294 selben begnügen ־und in der Uebersetzung bei ־unsicher erscheinenden Stellen sich auf eine Wiedergabe der ältesten Versionen beschränken würden, welche doch immerhin als Zeugnis aus dem Altertum, so nahe der Entstehungszeit der Bücher, eine unvergleichlieh höhere Autorität beanspruchen dürfen als Vermutungen heutiger dem lebendigen Hebraismus so fernstehender Leser. Es muß dabei überhaupt Einiges gegen die Kon j ektnren bemerkt werden, gegen die ganz ungerechtfertigte Geringschätzung des masoretischen Textes, gegen die willkürlichen Streichungen und Aenderungen. Der Verfasser sagt zwar (S. XIII), daß er sich gefreut habe, wenn es ihm möglich erschien, einen bereits aufgegebenen Text zu verstehen; aber er hätte diese Freude sicher viel häufiger genossen, wenn er nicht, wie viele andere, das Vorurteil gegen die überlieferten Lesarten sich zu eigen gemacht hätte und wenn er die daran gesetzte ,,unendliche Zeit und Mühe" statt auf Konjekturen, die oft den wahren Sinn verschütten, auf ein Erschließen desselben durch Untersuchung •der stilistischen und lexikalischen Möglichkeiten verwendet hätte. In dieser Beziehung ist leider Gunkels Kommentar., gerade wegen der Fülle der neuen Einfälle (er weist etwa 210 neue ,,erstmalige" eigene Textverbesserungs-Vorschläge aus, nebst ca. 40 von Gressmann, außer den nach Hunderten zählenden Wort- und Satzverstümmelungen die er von früheren Exegeten übernommen) ein Rückschritt etwa gegenüber Hupfeid oder Franz Delitzsch, die zwar das in neuester Zeit bekannt gewordene orientalische Material noch nicht benutzen konnten, dafür aber bei der Texterklärung infolge konservativeren Verhältnisses zur Ueberlieferung weniger auf Abwege gerieten. Denn man kann sagen, daß die meisten Konjekturen ohne Erschöpfung der Möglichkeiten des Text- Verständnisses gemacht werden und nicht nur unwahrs c h e i n 1 i c h, sondern auch u n m ö.g 1 i c h sind1. ■Gerade Gunkel hätte sicherlich bei seinem feinem Stilgefühl und seinem ästhetischen Verständnis eher als jeder andere die Richtigkeit des überlieferten Textes erkannt, wenn er nicht i m vorhinein die die hohe Gewissenhaftigkeit der soferischen Tradition außer acht lassende irrige Vorstellung der neueren Bibelkritik von der Verderbnis des hebr. Textes sich zu eigen gemacht hätte. Wie mangelhaft erwogen und verfehlt oft die Konjekturen sind, die G. allein oder in Uebereinstimmung mit anderen dominierenden Alttestamentlern vorbringt, wollen wir durch Stichproben zeigen. Es seien dabei erstens Fälle vorgeführt, wo gar keine wirklichen Schwierigkeiten vorliegen und .die Korrekturbedürftigkeit auf Mißverständnis beruht; zweitens Stellen, die wirklich dunkel sind, aber durch Prüfung der Diktion und biblische Parallelen . immer noch mehr Licht erhalten, als durch frei erdachte Aenderungen, die nicht einmal durch irgend eine der alten Versionen gestützt sind; drittens solche, die sich auf die Septuaginta berufen, wobei aber erwiesen werden kann, daß bereits diese Uebersetzung Unrecht hat. . 1 Es sei ausdrücklich hervorgehoben, daß wir uns bei unserem Urteil durchaus nicht von theologischen Erwägungen, sondern von s'tilistischen und textgeschichtlichen leiten lassen.