Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ritualmord und Eselskult
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 263 (sequence 9)
- Language
- German
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263 ehrung des Idols ״Bäphomet“ yorgeworfen. Auf Grund dieser Anklage verstanden die Archäologen längere Zeit in ihren Museen die Repliken des Idols zu finden und ein Gelehrter hatte auch das Wort als ßa<p?} [lyris zu erklären versucht1. Die Forschung hat aber festgestellt, daß das Idol den Tempelherrn als den ,,Häretikern“ angedichtet wurde (auch Jeanne d'Are wurde der Idololatrie ange- :schuldigt), und daß ״Baphomet“ nur ein verdorbenes Wort für Mahomet ist. Unerklärt blieb aber, daß ,,Baphomet“ — ״Mahomet“ ein Menschenkopf mit magischen Kräften sein sollte. S, Reinach2 konnte vor einigen Jahren nach weisen, daß die Vorstellung aus der mittelalterischen levantinischen Folklore entnommen ist, die auf solche Weise die Perseus-Legende weiterspann. Der magische Kopf ist die Meduse, und Perseus erschien in einer mittelalterischen Sage natürlich als Ritter, als Tempelherr. Es bleibt noch übrig zu erklären, wie die Eselskopffabel so weite Verbreitung finden konnte. י Ein byzantinischer Schriftsteller3, dem noch reiches antikes 'Material zur Verfügung stand, bemerkt, daß unter den Alten große Unstimmigkeit über die Natur des Judengottes herrschte. Man meinte, er sei Kronos, Jupiter, Osiris, Dionysos, Himmel, die vernünftigsten nannten ihn aber4: ,,Unbekannten und nicht zu bestimmenden Gott/' In der Tat, alle maßgebenden Historiker, von Poseidonios bis Dio Cassius5 6 über Strabo*5, Livius7 und Tacitus8, teilten diese letzte Ansicht. Auch hatten sie die andere Eigentümlichkeit des jüdischen Dienstes, seine Bildlosigkeit, verstanden. Poseidonios, Strabö, Tacitus und Dio Cassius heben diese Merkwürdigkeit hervor, und Livius formuliert knapp und präzis beide Originalseiten des jüdischen Kultus in einem Satz: ,,In Jerusalem befindet sich das Heiligtum, dessen Gott die Juden nicht nennen und das kein Bild enthält. Sie meinen nämlich, die Gottheit sei gestaltslos“. Das breite Publikum wollte sich aber nicht mit dem Agnostizismus begnügen. In Plutarchs ,,Tischgesprächen“ wird neben den Fragen, ,was früher war, Ei oder Henne u. dgl., auch die folgende ventiliert: wer ist der Judengott? Wurde nun von einflußreichen Schriftstellern, wie Molon, mit Berufung auf die Autorität eines Augenzeugen und dazu des Königs, die ErHärung in Verkehr gebracht, daß der Judengott in der Form eines Eselskopfes verehrt wurde, so war der Erfolg sicher: man verstand jetzt nicht nur die Natur des Gottes, sondern auch die Geheimnistuerei der Juden. 5. Zusammenfassung,. Wir können jetzt die Geschichte der Fabel kurz zusammenfassen. Im V.—IV. Jhdt. v. Ch. hatten die 1 Vgl. G. Grüfzmacher, Prot. Realenz. XIX, 508 f. 2 S. Reinach, Gultes, mythes, et religions IV, 242 ff. 3 Joh. Lydus de mens. IV, 53. 4 Vgl. Ed. Norden, Agnostos Theos 60 ff. 5 Dio Cassius XXXVII, 17. 6 Strabo XVI, 761. 7 Zit. beim Behob Bernen. ad Lucan. IX, 592 (Norden a. a. 0.). 8 Tac. Hist. V, 5. ,,Bffigies animalis“ in V, 4 steht mit diesem. Satze keineswegs im Widerspruche. S. Oreüi-Meiser z. St.