Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ritualmord und Eselskult
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 8)
- Language
- German
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262 Stadt Ädora1 zu übergeben. Die Juden lassen den Weg für den Gott frei/dessen Rolle Zabidas so geschickt spielte, daß er in den Tempel einzudringen und hier den goldenen Kopf des Esels abzureißen vermochte, (xal rty %pu07jv äitoavpcu vou xdv&uvoz xeyaAyv.) Die in vieler Hinsicht merkwürdige Erzählung ist eine reine Schildbürgergeschichte, die auf zwei Motiven, von denen das erste zwei Mal, zuerst ernst, dann als Travestie verwendet wird, aufgebaut ist. A) die ״evocatio“ des Gottes der Feinde2. B) ein Mensch gibt sich betrügerisch für einen Gott aus. AA) der Diebstahl des Gottesbildes. Ich kann hier leider nicht die ,Erzählung ausführlich behandeln; dazu wäre vielmehr ein Orientalist zuständig. Denn die Geschichte ist zweifellos idumäisch, obwohl sie wahrscheinlich auch von den idumäem nicht erfunden, sondern übernommen wurde und ursprünglich bei einem anderen Volke heimisch war. Gewiß ist, daß sie auf die Juden nur übertragen wurde. Gemünzt konnte sie nur auf das Volk sein, das die Götterbilder bzw. Tierbilder aus verschiedeneii Metallen gegossen resp. geschmiedet besaß. Denn Zabidas ״reißt“ (״detraxit“ nach der altlateinischen Uebersetzung) den göldenen Kopf ab, — wäre das ganze Bild golden, so wäre das recht unwahrscheinlich, und der Geschichte hätte überdies die Pointe gefehlt. Das bedeutet anderseits, daß das Idol nicht unsinnigerweise einen Eselskopf darstellte, sondern einen Esel mit dem goldenenlopf. Die Idum&er hatten die Geschichte auf die Juden und ihren geheimnisvollen Tempel etwa im V.—III, Jhdt. v. Ch. übertragen: Nachbarhaß oder Nachbarhohn, wenn man will. Der Esel besaß auch in Palästina, wie die talmudische und moderne Folklore zeigen, einen keineswegs guten Leumund3. In derselben Weise erzählten die Juden, daß die in II Kg 1731 erwähnten Götter det Samaritaner, Nibhaz und Tartak, hunds- resp. eselsgestältig seien, — auch eine , pure Fabel4. Nun haben wir aber die Erklärung für die seltsame Fabel von der Anbetung des Eselskopfes. Jener seleukidische Skribent entnahm seine Geschichte, wie die Erwähnung des goldenen Kopfes zeigt, /dem damals modernen, auch später gelesenen, Schriftsteller Mnaseas. Er hatte aber nicht beachtet, daß die mnaseische Erzählung den Kult des Esels und nicht seines Kopfes voraussetzt. Eine solche Genauigkeit war für ihn übrigens in keiner Weise erforderlich. Die Anbetung des Eselskopfes sieht wenigstens ebenso dumm wie die des Esels aus. Es sei gestattet, eine interessante Parallele anzuführen. Den Tempelherren wurde in ihrem berühmten Prozeß (1307) die Ver- 1 E. Schürer, Gesch. d. jüdischen Volkes II, 7 nach Wellhausen (übrigens hat schon S. Bochart, Hierozoicon Lib. II c. 18, das Richtige gesehen). Das Exemplar Apions, das dem Josephus vorlag, gab falsch ״Dora“. a Vgl, Fustel-de-Coulanges, La eite antique, Liv. III, c. 6. 3 L. Ginzberg in Jew. Enc. II, 221; Stephan, Journ. Palest. Orient. Soc. 1925, 110 ff..;.. Sirach 50, 26. 4 B. Sanh. 63 b. Es bleibt übrigens dahin gestellt, ob diese ganze Auslassung des R. Jehuda nicht einfach Herumraten und Fabelei ohne irgendwelchen polemischen Zweck darstellt.