Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 5 · p. Seite 261

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 5
Article
Ritualmord und Eselskult
Date
1927-01-01
Page
Seite 261 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
86% known words query
IRI
…/2829132-2829943-2829948-2834063--47659-2834114
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

261 Autor im Seleukidenreiche in der zweiten Hälfte des II. "Jahrhunderts v. Ch. zu suchen. Damit aber erwirbt die Erklärung des Josephus die größte Wahrscheinlichkeit: die Fabel wurde erfunden, genau wie die vom Ritualmord, von den Apologeten des Antiodios Epiphanes. Ihr Zweck ist klar: die Juden und ihre Proteste gegen den König lächerlich zu machen. Der Esel, ,,naturae dedecus“, genoß in der hellenischen Welt1 denselben guten Ruf wie bei uns, und es war wirklich eine hübsche Erfindung, den ihren Gott nicht nennenden Juden seine Anbetung anzudichten. ״Turpissimi pecudis caput consecratis2.“ Einen reellen Vorwand brauchte man dazu gewiß nicht. Hat man denn nicht im Mittelalter den florentiüischen Ketzern den Kult des Gottes der Esel, den der Böcke oder der Ziegen zugeschrieben?3 Wurden nicht ähnliche Vorwürfe z. B. vom Papst Bonifacius VIII. gegen Philipp den Schönen und umgekehrt erhoben? Als der Tyrann Kleisthenes, um die Sikyonier zu ,,verhöhnen“, wie Herodot sagt, ihre Phylen nach dem Schwein, Esel und Ferkel genannt hatte, lag auch hier keine ״Verwechselung“, die man in Nachrichten über die jüdische Onolatrie sucht, vor4. Und als ein griechischer Schriftsteller um das Jahr 100 n. Ch. in seinem Roman einen Römer als ״vereselten Gesellen“ aufgeführt hatte5, tat er es gewiß nicht, weil der Esel im Vestadienst verehrt wurde. 4. Der goldene Eselskopf. Wie war aber der unbekannte Erfinder der Verleumdung, jener Literat im Dienste der Seleukiden, selber zur seltsamen Behauptung gekommen, daß die Juden gerade den Kopf des Esels anbeten? Es scheint, wir können auch darauf die Antwort geben. ״Illud caput inventum ex auro compositum“ — sagt Apion. ״Xpuavjv ovou xe<pahjv 7rpoaax6v0Dvu behauptete in seiner verlorenen Schrift Damokritos, was *nebenbei wieder beweist, daß die beiden eine und dieselbe Vorlage benutzten, Der Eselskopf, den die Juden anbeten, ist also golden. Das macht die Behauptung noch seltsamer. Die Idole wurden, wie das goldene Kalb oder der Iltis, den man in einer arabischen Stadt verehrte6, natürlich oft aus den Edelmetallen angefertigt, ein goldener Eselskopf wird aber nie erwähnt. Mit einer Ausnahme. Mnaseas aus der lykischen Patara7, ein Polygraph, der in der ersten Hälfte des II. Jahrhunderts v. Ch. lebte, erzählte folgende, uns durch Vermittlung des Apion und Josephus (C. Ap. II, 112 ff.) bekannte Geschichte. Es war einmal (longo quodam tempore), daß die Idumäer die Juden bekriegten. Ein Idumäer, namens Zabina, kam zu den. Juden und versprach ihnen, den Gott der idumäischen 1 0. Keller, Die antike Tierwelt (1909) I, 265 ff. f. Olckin Pauly-Wissowa, Real-Enc. VII, 645, 650 ff. Füge hinzu V. Commodi 10, 9: ״habuit et hominern pene prominente . . . quem onon apellabat“. 2 Min. Fel. 9. 3 Rob.־ Davidsohn, Gesch. v. Florenz I (1893) 723. 4 Herod. V, 68. 5 U. Wiiamowitz-Moellendorf, Griech. Literatur 3, 260. 6 Plin. bist. nat. VI, 178. 7 Ueber seine Abstammung P. Oxyrch. XIII, 1611, 129.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.