Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ritualmord und Eselskult
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 6)
- Language
- German
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260 jährig wiederkehrenden Ritus auf faßt. Die gemeinsame Vorlage können wir aber noch feststellen: die ,,Schrift gegen die Juden'‘ des Ä p 0 1 lonios Molo n1. Das führt uns in die Zeit um das Jahr 100 v. Ch. Apollonios erzählte folgendes: im Tempel hätten die Juden einen Eselskopf auf gestellt. Den beteten sie an und ihm gelte der ganze Gottesdienst. Das sei entdeckt worden, als Antiochos Epiphanes den Tempel plünderte, wobei man jenen aus Gold gefertigten, ungemein wertvollen Kopf gefunden habe (C. Apiön II, 80: ,,asini caput collocasse Iudaeos, et eum colere ac dignum facere tanta religione; et hoc affirmat fuisse depalatum, dum Antiochus Epiphanes exspoliasset templum, et illud caput inventum ex auro compositum multis pecuniis dignum“). Apollonios berief sich also auf Epiphanes. Sein Zeitgenosse Pöseidonios teilte nun in seiner ,,Geschichte“ die Rede mit, mit welcher die Freunde des Antiochos VII. Sidetes im Jahre 134 den König gegen die Juden umzustimmen versuchten bzw. versuchen sollten2. Sie beriefen sich dabei wieder auf Epiphanes, der im Tempel das Steinbild eines langbärtigen Mannes, der auf einem Esel reitet, gefunden hätte. Epiphanes hätte angenommen, das wäre das Bild des Moses. In einem solchen Berichte liegt aber gar nichts Hetzerisches gegen die Juden vor. Was Wunder, daß sie ihren Staatsgründer verehren, wie es auch die Hellenen selbst pflegten, und daß der, wie so viele Menschen, auf einem Esel reitet? . Es ist wohl zu vermuten, daß Poseidonios, der auch sonst eine-hohe Meinung über die jüdische Religion sowie über Moses äußerte3, diesmal eine krasse und alberne Geschichte, wie die von der Anbetung des Eselskopfes, die er in seiner Quelle vorfand, durch die angeführte ersetzt hat. Ist es so, dann reichen wir mit der Eselsfabel dicht an die Zeit der Makkabäerkämpfe. Andererseits ist uns die Behauptung von der Anbetung des Eselskopfes für die vormakkabäische Zeit nicht belegt4. Wir haben drittens oben erwiesen, daß die E s e 1 s k o p f v e r s i ,0 n die'älteste-ist.' Sie ist aber so sonderbar und singulär — ich wenigstens kenne keine Parallele —5, daß es unmöglich wäre, wollte man ihre Urzeugung an zwei verschiedenen Orten annehmen. Wir müssen eher postulieren, daß sie nur einmal erfunden war. Und da die Erzähler sich auf Epiphanes berufen, haben wir ihren 1 Th. Rein ach, Textes . . . relatifs au judaisme (1895) 121. 2 Fr. 109 Jac. bei Diod. XXXIV, 1. 3 Siehe F. Heinemann, MGWJ 1919, 112 ff.; E. Norden in ״Festgabe für A. Harnack“ (1921) 292 ff. 4 Ueber den Ersatz des Wortes ״Esel“ durch ״Lasttier“ usw. in der Septuaginta, siehe A. Geiger, Urschrift und Uebersetzung der Bibel (185ל) 360 f., 439 ff. Wir wissen leider weder die Zeit noch die Ursachen der Veränderung. Es ist aber zu beachten, daß für die Occidentalen im Unterschiede von den Orientalen der Esel überhaupt kein Festtier war. So wurde für die Heiden noch im IV. Jhd. die Einfahrt Jesu auf dem Esel in Jerusalem (Math. 21, 27) Vorwand zum Spotte (Ps- Athanasius in Migne. Patr. gr. XXVIII, 180). Das könnte schon an sich die Uebersetzer zur Veränderung bestimmen. 5 In den Zauberpapyri kommt einmal (P. Lond. 125, 37) die Erwähnung des Eselskopfes in einem Rezept vor, wie auch der Kopf des Frosches oder Wolfes genannt wird. S. Eitrem, P. Osloenses I, 59. — In neuerer Zeit wurde der Eselskopf zur Wahrsagerei verwendet (wie auch Ziegenkopf usw.). Siehe W. Deonnä^ Rev. et. grecq;; 1925, 52. Ob die Methode aus dem Altertum stammt, ist fraglich.