Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ritualmord und Eselskult
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 5)
- Language
- German
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259 numen“ war, wie Tertullian1 2 zeigt, eine spätere Erfindung. Seine Worte: ,,nova .. editio“, ,,hesternum et antiquitate temporis destitum“ beziehen sich eigentlich nur auf das entsprechende Bild des Christus, das in Karthago gezeigt wurde. Er könnte sich aber nicht so bestimmt ausdriicken, wenn die Fassung der Fabel mehr verbreitet wäre. In der Tat, ihre Spuren führen nicht über das II. Jhd. n. Ch. zurück. Der älteste Beleg ist vielleicht das palatinische Bild, wenn es tatsächlich der Antoninenzeit oder gar den ersten Jahren Hadrians gehörte 3. Eselskopf. Die für Tertullian gangbare Fassung der Fabel ist vielmehr die Behauptung von der Anbetung des Eselskopfes: ,,somniastis caput asininum esse deum nostrum“—־ sagt er den Heiden3 4 und wirft ihnen vor, daß sie dafür schon ,,ganze Esel“ anbeten: ,,totos cantherios coli a vobis“. ,,Christiani venerabantur caput asini“, so gibt Minucius Felix* die Ueberzeugung der Heiden wieder und antwortet darauf — ,,totos asinos consecratis“. Wie selbstverständlich es für Tertullian war, daß die Feinde vom Eselsköpf sprechen konnten, zeigt am deutlichsten seine Wiedergabe5 des Ausdruckes des Tacitus ״effigies animalis“ durch ,,bestiae superficies“, ,,Oberkörper“, was weder sprachlich einwandfrei, noch sachlich erforderlich ist. Wie ist die seltsame Behauptung vom Kulte des Kopfes des Esels entstanden? Der Eselskopf besaß, so viel ich weiß, im Altertum keine religiöse oder magische Bedeutung, in der Kunst erscheint er nur als ein Dekorationsmotiv6. Auch als Verhöhnung wäre die Entstehung der Variante schwer verständlich, die Varianten A) und B) könnten dazu natürlicher und leichter verwendet werden. Tertullians Erklärung lautet, die Christen seien als ,,Verwandte der jüdischen Religion“ verleumdet, wir müssen somit die Antwort in der antijüdischen Literatur suchen. In der Tat kennen wir zwei griechische Schriftsteller, die schon anderthalb Jahrhunderte vor Tertullian von dem Eselskopfkult der Juden sprachen. Es sind Damokritus7 und Apion. Beide folgen derselben Quelle, sind aber voneinander unabhängig: sie sind nämlich auch die einzigen Gewährsmänner für den Ritualmord, welchen Damokritus aber nicht als den jährlichen, sondern als sieben- 1 Tertull. ad nation. I, 14; Apol. 12. 2 H. Leclercq a. a. 0. 2043. 3 Tertull. Apol. 16, Dieser grundsätzliche Unterschied zwischen der Behauptung vom Eselskult und der 70m Eselskopfkult bleibt meistens unbeachtet. Der alte Morinus a. a. 0- 327 bemerkt die Differenz, tröstet sich aber folgenderweise: ״non multum interest, quod caput asini non totum. asinum dixerunt coli in sanctuario, cum multa sibi concedunt ealumniatores6‘. 4 Min; Felix 9 und 28. 5 Tertul. Apol. 16. 6 S. Reina-ch, Repertoire d. stat. V, 443; 745; vgl. Juven. XI, 97; Terrakote: 2. B. J. Vogt in ״Expedition E. Sieglin“ II, 2, Taf. 104; — auf den Münzen kommt der Esel nur selten und zwar im Zusammenhänge mit dem Dionysos-Kult in weinreichen Gegenden vor. So vor allem in den älteren (500-r-450.) Prägungen von Mende (Thracien), dabei erscheint bisweilen auch der Eselskopf bz־w. Vorderteil des Tieres. K. Regling, Z. f. Numism. 1924, 11 ff. 7 Suidas s. v. p. 1168 Bernh.!7*