Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ritualmord und Eselskult
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2829132-2829943-2829948-2834063--47656-2834111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
258 Für die hellenistischen Schriftsteller, die diese oder jene aitiologische Hypothese über die jüdische Onolatrie vortrugen, stand es als Tatsache fest, daß die Juden den Esel verehren. Die Entstehung der Fabel liegt also noch vor ihnen ziemlich ־weit zurück. Die Variante A) i s t folglich n i c h t Urfassung der Geschichte1 2, sondern ihre Weiterbildung, die für die Ursprungsfrage irrelevant ist3. 2. Mischgestalt. Die״ Gnostiker1", deren Lehre Epiphanius als die 26. Häresie widergibt, behaupteten, daß der ״Archont" Sabaoth, der Weltschöpfer, eselsgestaltig sei3. Den Christen ־wurde die Anbetung einer solchen Mischgestalt im palatinischen Spottkruzifix4 und in dem von Tertullian ad Nat. I, 14 und Apol. 16 beschriebenen Bilde angedichtet. Seth-Typhon wurde auch eselsköpfig dargestellt, die Annahme der Einwirkung liegt gewiß nahe5. Nicht weniger wahrscheinlich ist aber der Einfluß der Karikatur, die von altersher die Mischgestalten pflegte. Eine bekannte Tonlampe6, ägyptischen Ursprungs7, stellt z. B. den eselsköpfigen Lehrer vor seinen Schülern, eine andere Terrakotte rattenköpfige Schüler (oder Gelehrte) mit Buch8 9 usw. dar. Nach der anderen gnostischen Ansicht war auch Sabaoth nicht es eissondern schweinsköpfig; ״darum, sagten sie, ist es den Juden vorgeschrieben, das Schwein nicht zu essen8'״. Zwei Punkte sind für uns dabei wichtig. Im Unterschiede von der gelehrten Version A) ist die B) ausdrücklich gehässig. In einer gnostischen Schrift wurde z. B. nicht ohne Schwung ausgeführt, wie Zacharias, ,,der letzte Prophet10'״, beim Tempeldienst entdeckt, daß die Verehrung einem ״Mensch mit Eselsgestalt״' gilt. Außer sich will er die Juden darüber belehren: ״Wehe euch, wen betet ihr an", wird aber von ihnen ermordet11. Eine Geschichte dieser Art entsteht nicht durch irgendein ״Mißverständnis", es ist eine absichtliche Verleumdung. Und zweitens: die höhnische Behauptung vom ״biforme 1 Es ist übrigens keineswegs sicher, daß die Variante A) überhaupt existierte : die Aus drucks weise des Plutarchus und Tacitus läßt auch auf den Eselskopf schließen, wie Tertullian den Tacitus tatsächlich versteht (Effigies Kopf bei Tac. Ann. I, 74). 2 Inwiefern die merkwürdige Notiz bei Suidas s. v. Zenon 726 Bemh. mit der Anschuldigung in Zusammenhang steht, weiß ich nicht zu sagen. Ob die neugriechische Vorstellung von den onolatrischen Juden (J. Levy, Rev. et. juiv. 1890, 256) antiken Ursprunges ist? 3 Epiph. Panarion XXVI, 10, 6. 4 Mehrfach abgebildet, z. B. in Dict. archeol. ehret. I, 2, 2044. — Die römischen Gircusfluchtafeln stellen einen pferde- und nicht eselsgestaltigen Dämon dar. K. Preisendanz, Akephalos (1926) 22 ff. 5 Vgl. noch, die von K. Holl in seiner Ausgabe des Epiphanius 287 zitierten koptischen gnostischen Texte: ״der zweite Eloäios mit Eselsgestalt‘s, ״Archont mit Eselsgestalt‘4. 6 G« Wissowa, Röm. Mitt. 1890, 1 ff. 7 P. Perdrizet, Terres cuites de la collection Pouquet (1921) 150. 8 P. Perdrizet a. a. O. II, Taf. 2. Weitere Beispiele siehe Perdrizet a. a. O. I, 149. 9 Epiph. Panar. XXVI, 10. 10 Zacharias ben Baruch (Math. 28, 34) wird hier in bekannter Weise mit dem Vater des Täufers identifiziert. 11 Epiph. XXVI, 12.