Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ritualmord und Eselskult
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 257 (sequence 3)
- Language
- German
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־257 A bis Z glatt erlogen, um die Juden herabzusetzen: ,,incredibile mendacium“. Es ist seltsam, daß noch kein Moderner auf den Gedanken gekommen ist, die Hypothese des Josephus, wenn nicht ohne weiteres zu empfehlen, wenigstens nachzuprüfen. Es gibt drei Varianten der Fabel von der jüdischen und Christliehen Eselsanbetung: das Kultobjekt soll A) der Esel oder B) der eselsgestaltige Mensch oder C) der Eselskopf sein. 1. Der Esel• Die Variation A) wird nur von Plutarch1 zitiert und von Tacitus2 angedeutet. Beide gehen auf eine gleiche Vorlage zurück und geben dieselbe Erklärung für den Ur- Sprung der Verehrung: beim Auszuge aus Aegypten gingen die Juden am Mangel an Trinkwasser beinahe zugrunde, den Spuren einer Wildeselherde folgend fanden sie aber die Wasserquellen.. Es ist eine Variante der unzähligen Legenden von der Rechtleitung durch Tiere3; ein beliebtes Motiv auch in der antiken ätiologischen Wissenschaft. Warum erscheint z. B. Ammon gehörnt auf Bildwerken und wird der Widder in seinem Kulte geehrt? Die antike Ethnologie wußte die Antwort zu geben, die uns in zahlreichen Wiedergaben vorliegt4. Ich gebe beispielsweise eine kurze Fassung5 wieder: als Dionysos ,,sein Heer durch Libyen führte durch ausgedörrte und sandige Gegenden, wo es kein Wasser gab und sein Heer durch Durst geplagt wurde, da zeigte ihm ein Widder den Weg zu einer Quelle“. Die taciteische Geschichte sieht, auch in Einzelheiten, wie ein Abklatsch jener rationalistischen Erklärung der Widder-. Verehrung aus, die wir bis zu Hermippus6 (um 200 v. Ch.) verfolgen können, und ist ihr vielleicht nachgebildet. Sie ist keineswegs, wie. man gewöhnlich meint, ,,antisemitisch“, vielmehr eine gelehrte ätiologische Hypothese, die den Eselskult wissenschaftlich erklären soll. Zu derselben Art würde wohl auch der Bericht gehören, dessen Anfang Plutarch de Isid. et Os. 31 anführt: Typhon flieht nach der Schlacht mit den Göttern auf einem Esel, die Flucht dauert 7 Tage, er erzeugt dann zwei Söhne: Hierosolymos und Judaios. Plutarch bricht die Geschichte ab: die Erzählungen über die Juden (״ra 5loodatm“) gehören nicht zum ägyptischen Mythos, sagt er7. Wir können aber nach zahlreichen Parallelen mit Sicherheit ergänzen: Typhons Söhne gründen den jüdischen Staat und setzen als Denkmal der Flucht das Sabbatfest und die Eselsverehrung fest. Das ist wieder eine gelehrte Kombination. Aehnlicherweise wird z. B. die Rolle des Esels im Vestadienst erklärt8 usw. 1 Plutarch, Quaest. conviv. IV, 5, 2. 2 Tac., Hist. Y, 3—4. Sonstige angebliche Hinweise auf die jüdische Onolatrie (Florus III, 5; Petron. fr. 37; Martial. XI, 94; Juven. XIV, 97} sind nur durch sprachwidrige Konjekturen der älteren Gelehrten entstanden und in modernen. Ausgaben durchweg beseitigt. 3 Vgl. R. Gunkel, Das Märchen im A. T. (1917) 32 f. A. Wiedemann, Herodots II. Buch (1890) 242 f. 4 Th. Hopfner, Fontes histor. relig. aegypt. Index s. v. aries. 5 Ampelius II, 1. 6 Th. Hopfner a. a. 0• 78. 7 Plut. de Isid. et Osir. 31. 8 Ovid. Fast. VI, 315 ff. Monatsschrift, 71. Jahrgang. 17