Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Normierung des Glaubensinhalts im Judentum
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
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263 Begriffes ergeben, sind in dieser Beziehung im Judentum grundsätzlich genau die gleichen wie in den christlichen Kirchen. Das wird nur darum nicht immer mit voller Klarheit erkannt, weil sich diese Kon- Sequenzen im Judentum sehr viel stärker für das Religionsgesetz als für den Glaubensgehalt seiner Lehre geltend machen. Der Kampf der religiösen Richtungen bewegt sich im Judentum nicht wie im Christentum primär auf dogmatischem, sondern auf religionsgesetzlichem Gebiet. Die Grundgedanken des biblischen Monotheismus, der Glaube an die sittliche Freiheit des Menschen, an seine Bestimmung zu einem ewigen Leben und an ein kommendes Gottesreich sind den verschiedenen religiösen Richtungen des Judentums gemeinsam geblieben. Man braucht es darum einer modernen Darstellung des Glaubensgehaltes des Judentums in entscheidenden Partien kaum anzumerken, welcher religiösen Richtung der Autor angehört. Allein darum ist der Bruch mit dem autoritären Religionsbegriff doch auch in dogmatischer Beziehung keineswegs ohne Konsequenzen geblieben. Ganz wie in den christlichen Kirchen hat sich die Stellung zu dem Schöpfungsbericht und den Wundererzählungen der Bibel gewandelt. Ohne auf diese allgemeinen Probleme einzugehen, will ich nur zwei Punkte erwähnen, ■die in den Kämpfen um die Reform des Gebetbuchs eine bedeutsame Rolle gespielt haben: die Aufgäbe des Auferstehungsglaubens und die Wandlungen im Glauben an die messianische Zukunft. Der Glaube an eine körperliche Auferstehung hat sich ohne die Stütze, die ihm die dogmatische Autorität der Ueberlieferung gab, nirgends behauptet, ja er ist fast ganz aus dem Bewußtsein weiter jüdischer Kreise geschwunden. Innerlich hat er schön im Mittelalter einem Denker wie Maimonides offenbar wenig bedeutet, aber bei ihm bleibt er als ein Bestandteil der überlieferten jüdischen Lehre gleichwohl dogmatisch in Kraft. Der messianische Glaube als solcher ist allen Richtungen des Judentums gemeinsam, aber sein Inhalt hat doch eine wesentliche Wandlung durchgemacht. Man sieht sie gewöhnlich darin, daß der Glaube an den persönlichen Messias aufgegeben und nur der an die messianische Zeit zurückgeblieben ist. Allein damit ist die Umbildung der messianischen Vor- Stellung keineswegs erschöpft. Mit dem Glauben an einen persönlichen Messias ist auch die Vorstellung geschwunden, daß das messianische Gottesreich durch eine einmalige göttliche Wundertat begründet werden und an Stelle des gegenwärtigen Weltzustandes treten wird. Das messianische Gottesreich gilt als das Endziel, dem die sittliche und religiöse Entwicklung, der Menschheit zustrebt. Diese Umbildung der messianischen Idee in den sittlich-religiösen Fortschrittsgedanken, für die es in der jüdischen Tradition gewiß nicht an Anknüpfungspunkten fehlt, ist von außerordentlich eingreifender Bedeutung. Sie hat dem Judentum vor allem eine durchaus veränderte Stellung zu der gegenwärtigen Welt gegeben. Diese wird nicht durch die ganz andere Welt der messianischen Zukunft, in der sich Israels Bestimmung verwirklicht, abgelöst und ist für Israel nicht nur der Schauplatz, auf dem es zu leiden und sich für die künftige Erlösung zu bewähren hat, sondern sie selbst soll sich zur messianischen Welt entwickeln, und in ihr hat Israel eine religiöse Aufgabe zu erfüllen. Für die Eingliederung des Judentums in die moderne Kulturwelt,