Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Normierung des Glaubensinhalts im Judentum
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
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252 und der Ueberlieferung, die es von seinen Bekennern verlangt, setzt keine begriffliche Explikation dieses Inhalts voraus. Charakteristischerweise ändert sich das in dem Augenblick, als im Mittelalter unter dem Eindruck der aristotelischen Schulphilosophie die rechte Erkenntnis Gottes zur Bedingung der Gemeinschaft mit ihm und des ewigen Lebens gemacht wird. Die Fixierung der Dogmen des Judentums bei Maimonides und einem Teile seiner Nachfolger will die zum Heile führende rechte Erkenntnis festlegen. Die Intellektualisierung des Glaubensbegriffes führt zur Fixierung des Glaubensinhaltes. Das talmudische Judentum aber kennt zwar auch vielfache Reflexion über den Glaubensinhalt, aber diese Reflexion geht nicht in den Glauben selbst ein. Auch in seiner talmudischen Phase bleibt das Judentum naive Religion und hat deshalb keinen Antrieb zur begriffliehen Explikation seines Gehaltes in sich. III, Wir haben das überlieferte Judentum trotz aller Wandlungen, die es seit dem talmudischen Zeitalter durchgemacht hat, als eine einheitliche ׳ Größe behandeln können. Denn die geschilderte Form der Glaubensnormierung hängt so eng mit dem Offenbarungs- und Ueberlieferungsglauben des Judentums zusammen, daß sie sich mit ihm durch alle diese Wandlungen hindurch erhalten hat. Sie besteht auch im gegenwärtigen Judentum überall da noch fort, wo der Glaube an den göttlichen Ursprung der schriftlichen und mündlichen Lehre im Sinne des traditionellen Offenbarungsbegriffs die Grundlage des religiösen Lebens bildet. Dabei fehlt es heut an den Möglichkeiten der Deutung und Umdeutung des Bibelwortes, deren sich der mittelalterliehe Rationalismus in voller Gutgläubigkeit bedienen konnte. Die strengere philologische Bindung an das Bibelwort hat auch eine engere religiöse Bindung zur Folge. Die Schwierigkeit, etwa den Entwicklungsgedanken der modernen Naturwissenschaft oder auch nur die heutigen Vorstellungen vom Alter der Erde mit dem biblischen Schöpfungsbericht in Einklang zu setzen, ist infolgedessen ungleich größer als die Ueberbrückung ähnlicher Gegensätze für einen mittelalterlichen Denker war. Doch ist hier nicht der Ort, auf diese Problemläge und die Möglichkeiten, ihrer Herr zu werden, im Einzelnen einzugehen. Dagegen haben wir noch in Kürze darzulegen, daß sich die Sachläge von Grund aus ändert, sobald der Glaube an. die Verbalinspiration der Thora und an den sinaitischen Ursprung der mündlichen Lehre aufgegeben wird. Mit der Preisgabe dieser Form des Offenbarungsglaubens hört die Bibel und erst recht die Ueberlieferung auf, in dem Sinne Norm des Glaubens zu sein, daß jeder ihrer Sätze autoritär bindend ist. Der freiere Inspirationsbegriff, der an Stelle des Gedankens der Verbalinspiration tritt, enthält seinem Wesen nach keine Bindung an;den Wortlaut der Bibel mehr in sich. Die Glaubensweit des Judentums rückt außerdem in das Licht der geschichtlichen Entwicklung. Es ist nunmehr :evident, daß sie in der Bibel selbst eine starke Entwicklung durchgemacht hat und daß wichtige religiöse Prinzipien erst der nachbiblischen Zeit angehören. Die Konsequenzen, die sich aus der Aufgabe des alten supranaturalistischen Offenbarungs-