Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Schriften zur Bibelwissenschaft [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 227 (sequence 8)
- Language
- German
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227 reicher Durchblick durch das gesamte historische Schicksal der Auffas.sung dieser Schrift herauskommt. Wichtiger als der Kommentar ist aber die Einleitung. Zwar kommt der Verfasser auch hier in den Fragen über die historische Zeitlage und das Leben des Propheten, über die Komposition des Buches und die Ewed-Jahwe-Lieder kaum über eine Darstellung der bislang geltenden Meinungen hinaus; aber die ausführliche Schilderung, welche er dem Einfluß der deutero-j esaianischen Lehre auf die biblischrabbinische Literatur widmet; ist nach mancherlei Richtung hin interessant. Für Levy ist diese Gestalt nicht nur der Gipfel der universalistischen Gedanken in der Gesamtentwicldung der jüdischisraelitischen Religion, sondern die Entgrenzung der religiös-nationalen Anschauung zur menschheitumspannenden erscheint ihm als der wesentliche Sinn der Lehre dieses Propheten. Ja, überall, wo sich im spätbiblischen und rabbinischeri Judentum die universalistische Tendenz über die partikularistische siegreich erweist, erblickt der Verfasser die Wirksamkeit deuterc-j esaianischer Gedanken. Er stellt darum in dem umfangreichsten Kapitel seines ganzen Buches unter der Flagge eines Einstroms deutero-j esaianischer Ideen eine gedrängte Uebersicht über die gesamte Geschichte der universalistischen Tendenz in der jüdischen Religion zusammen. Er reiht/von der späteren biblischen Literatur über die Apokryphen, Talmude, Midraschim,dieReligionskodices und mittelalterlicheFoesie hinschreitend,- Zitate an Zitate, die den weltoffenen Geist des Judentums und damit die ,,Strömung'4 des deutero-j esaianischen Geistes beweisen sollen.. Die Hymnen des alten Machsor und ein Gebet aus dem prayer-book of the Jewish Religions Union werden nicht vergessen, der religionsphilosophische Nationalismus wird gestreift; kurz, alles, was eine direkte oder auch nur entfernt indirekte Beziehung zu dieser Menschheitsreligion hat — es mag selbst jede bewußte Beziehung auf den prophetischen Ausgang fehlen —, wird dazu verwendet, die Tragweite der Wirkung des Deutero-Jesaia in helles Licht zu rücken. Der Gedanke des Propheten — und etwas Aehnliches wie für die Idee des Universalismus gilt für diejenige des Sühneleidens — muß dazu herhalten, als Symbol jener Richtung des Judentums zu dienen, in welcher der Verfasser den Weltsinn unserer Religion erblickt. Damit ist aber das Thema, das sich Levy gestellt hat, von Grund aus verschoben; und ich glaube, er wird damit weder der Fülle der Gedanken seines Helden gerecht,, noch der wirklichen Bedeutung universalistischer Weltreligion; jenes nicht, weil die Eigenart der Stellung Israels in den Augen des Menschheitsgottes nicht die ge^ bührende Beleuchtung erfährt; dieses nicht, weil die abstrakte Idee des Universalismus nur dann einen wirklich lebensvollen Gehalt empfängt, wenn Punkt um Punkt die Stellung des Gesetzes als der eigentlichen Substanz des jüdischen Lebens während der weitaus längsten Zeitstrecke jüdischer Geschichte zu den Nichtjuden aufgezeigt wird. Denn alle die Rabbinen, Poeten und Philosophen, die hier als die Jünger des großen Anonymus an uns vorüberziehen, waren doch zugleich die treuesten Anhänger des religiösen Gesetzes. Darum kann eine Geschichte des universalistischen Gedankens in der Gesamt ent wicklung des jüdischen Geistes nicht daran vorüber- 15*