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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 4 · p. Seite 195

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 4
Article
Die Judengemeinde in Aurich
Date
1927-01-01
Page
Seite 195 (sequence 2)
Language
German
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195 den. hiesigen Juden gesehen. Es ist nach allem wohl denkbar, daß die Ueberlieferung richtig ist, wenn auch die; Juden vielleicht tatsächlich erst in der Inquisitionszeit (16. Jahrhundert) aus: Italien über Amsterdam (zu dem manche Beziehungen nachweisbar sind) nach hier kamen. Zeitlich würde die Aufnahme der Juden־ durch Occo then Broek gut zu der goldenen Bulle Kaiser Karls IV. (1356) passen, mit welcher die Aufnahme und steuerliche Nutzbarmachung der Juden in Deutschland ihren Anfang nahm1. Der Kaiser verkaufte und verpfändete die Juden bald, außer daß er sie den Kurfürsten zugestand, an andere Fürsten und an die Städte, so daß diese Sage jedenfalls eine historische Möglichkeit hat. Bis zur ersten’urkundliehen Erwähnung in Aurich vergehen aber noch zwei Jahrhunderte, welche die Ueberlieferung durch.den Untergang einer Primärgemeinde in dem für die deutschen Juden so verhängnisvollen 15. Jahrhundert, dem Zeitalter der Verelendung und der Volksseuchen, die man damals den Juden zur Last legte, zu erklären sucht. 1492 hat es eine solche Judenaustreibung z. B. auch in Norddeutschland—in Mecklenbürg — gegeben, und es wäre ein Uebergreifen solcher Volksbewegungen möglich. Damit in Verbindung gebracht wird die Flurbezeichnung Judenkirchhof (joedenkerkhof), ein Feldstück von 27 ar,westwärts der Sandhorster Chaussee beim Uebergang über die Kleinbahn gelegen2. Noch heut soll es dort ,,spuken“, und ״Kuhlen und Höhen“, von denen die Verkaufsakten von 1851 sprechen, sollen eingefallene Gräber sein, in denen die früher aus der Stadt vertriebene erste Gemeinde ihre Toten bestattet hätte. Für ein Pogrom spricht kein positives Zeugnis, auch nicht der im ganzen ruhige Verlauf der Geschichte der Juden in Aurich bis in unsere Zeit. Wäre hier wirklieh ein Judenfriedhof gewesen, so hätte er wohl noch später seinen Zweck erfüllt, und es wären nicht bis zur Anlegung des heutigen Friedhofs an der Emder Chaussee (1764) die Toten der Auricher Gemeinde im Norden beigesetzt worden3. Der Name ist nach Poppen anscheinend ein Spottname. .Wir bescheiden uns, die erweisbare Geschichte erst später beginnen zu sehen. Des letzten Ostfriesenfürsten Kanzler Brenneysen (geh. 1670, gest. 1734) nimmt aus weitem Rückblick so wohl richtig an4, daß die ostfriesischen Landesherren 1 Vergleiche Goldne Bulle Kap. 9 über das Regal der Kurfürsten judaeos habe re. Lehmann, Quellen zur dtsch. Reichs- und Rechtsgesch. Berlin 1891, S. 189. 2 Vergleiche Poppen, der Tiergarten in Eschen, Aurich 1925, S. 40, über den Judenkirchhof. 3 Man zeigt heut noch auf dem Judenfriedhof in Norden hei der Schule der Sandhauerschaft frühere Auricher Grabstellen und Baruch Wolf berichtet, einen alten Auricher Grabstein noch vorgefunden zu haben. Am 12. Oktober 1764 .״bittet die Auricher Judenschaft, da sie vorher ihre Toten in Norden hat begraben lassen,“ bei der Kgl. Kriegs- und Domänenkammer um ״Erlaubnis bei der Stadt Aurich einen Friedhof anlegen zu dürfen.“ ״Die Norder Judenschäft kann es der Auricher nicht hindern,“ sagt die Kammer, was wohl gas'tweise Aufnahme der Toten der damals kleinen Auricher Gemeinde anzeigL Der Weg Aurich-Viktorbur-Norden hieß bei den Juden salpat Sichraunom liwröcho — Pat Todenweg וכרונם לברכה דל. 4 Ostfries. Historie und Landesverfassung (1720), Bd:. I, S. 73. Gekannt hat Edzard I. schon Juden, da er im ostfriesischen Landrecht, II. Kap. 294 Mischehen mit ihnen verbot (1515). 13*

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