Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Judengemeinde in Aurich
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 1)
- Language
- German
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194 Die Judengemdnde in Aurich. Von Dr. K. An kl am in Aurich. In der Stadt Aurich besteht eine verhältnismäßig große jüdische Gemeinde (7% der Bevölkerung), deren von manchen schätzbaren Einzelzügen belebte Geschichte ein für die deutsche Städtevergangen״ heit typisches Bild hergibt, und um deswillen eine Darstellung reizvoll macht. Wer diese Geschichte verfolgt, wird sie in ihren sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Zusammenhängen, auch wenn die Betrachtung sich grundsätzlich auf Aurich einstellen will, naturbedingt sehen müssen als Teil der Gesamtgeschichte des Landes, dessen Hauptstadt Aurich von alters ist, des vormaligen Fürstentums1, späteren preußischen und hannoverschen Landesteils Ostfriesland (Regierungsbezirk Aurich). Wie dies leider für manche interessante Geschichtsepoche zu beklagen ist, fehlt es auch hierfür an mancher Aufzeichnung, die aus Selbstverständlichkeitsgefühl von den Vorfahren verabsäumt wurde oder die in vorhanden gewesenen Akten verloren oder verstreut worden ist2. Indessen treten die wesentlichen Züge, ergänzt durch mündliche Ueberlieferung in eng miteinander verbundenen Familien, deutlich genug hervor, um danach ein im ganzen geschlossenes Bild des Geschehens und der bedingenden Umstände zu gewinnen. Die Herkunft , der Auricher Juden ist in der Dämmerung geschichtlicher Frühzeit von einer Sage, wie man die Ueberlieferung doch wohl bescheiden bezeichnen muß, erklärt. Occo then Broek, nachmals 1378—1389 Häuptling (hovetling) des Auricher und Broekmerlandes (also des mittleren Gebietes Ostfrieslands), war in jungen Jahren als Ritter am Hofe der Petrarca nahestehenden geistvollen, schönen und leidenschaftlichen Königin Johanna I. von Neapel gewesen3. 1378 nach seines Vaters Tode holten ihn zum schmerzlichen Verlust der hohen Gönnerin seine Schwestern heim nach Ostfriesland zur Regentschaft. Er soll erstmalig Juden in Italien, veranlaßt haben, um dem Handelsleben in der Heimat einen Antrieb zu geben, nach dem Auricher Land zu kommen. Die Geschichte klingt so schön romantisch, daß man bedauern muß, sie nicht.urkundlich belegen zu können. Der hiesige emeritierte Lehrer Baruch Wolf, welcher in langjähriger Tätigkeit dem Studium der Ueberlieferung in seiner Auricher Gemeinde viel Interesse gewidmet hat, weist jedoch zur Stütze dieser Ueberlieferung auf mehrfache Uebereinstimmungen der hiesigen Riten mit den italienischen hin4.. Meinem Gewährsmann ist um 1900 mehrfach von Reisenden, welche mit Aurich bekannt waren, unabhängig voneinander gesagt worden״ man habe in Italien Judentypen von auffallender Aehnlichkeit mit 1 Bis 1654 Enno Ludwigs Erhebung in den Reichs fürstenstand ״Graf־- schüft Ostfriesland“. 2 F. Täublers Mitteilungen des Gesamtarchivs der deutschen Juden,., Lpz. 1909, 2. Jahrgang, Heft 1, Seite 49. 3 Wiarda, ostfries. Geschichte, Bd. I (1797), S. 329. 4 Die Auricher Gemeinde benutzt von alters her ein zuerst um 1600 in Venedig erschienenes Machsor, welches mir in der sog. Drei-Kronen-Ausgäbe vorliegt und die hebr. Bezeichnung trägt המצות השד ואן ברגרץ־ירום הורו כשנת עלי ההרים.