Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ritualmord und Eselskult
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 16)
- Language
- German
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186 die j üdische Propaganda benutzte den Ausgang des Königs, obwohl die maßgebende Tradition ihn in Zusammenhang mit dem zeitlich näher stehenden Angriff auf die Göttin Anaitis stellt. Genau so kursierten z. B. athenische, argivische und delphische Versionen über den Tod des spartanischen Königs Kleomenes: jede Stadt schrieb ihrer Gottheit die Strafe für den König, der gegen alle drei gottlos und tempelschänderisch gehandelt hatte (Herod. VT, 75). Von dieser jüdischen Propaganda können wir uns wohl am besten nach II Makk 9 eine Vorstellung machen. Denn Jason von Kyrene, ein Diasporaju<Ie, verherrlichte die Taten seiner Volksgenossen in seiner nach allen Regeln der griechischen rhetorischen Kunst verfaßten Schrift zur Belehrung wohl nicht nur der anderen Diasporajuden, sondern auch der Hellenen. Die Entweihung des ״berühmten", wie Polybios1 sagt, jerusalemischen Tempels mußte tatsächlich einen gewaltigen und für Antiochos recht ungünstigen Eindruck machen. Man w^arf ihm auch sonst den Tempelraub vor, und Josephus nennt (C. Apion II, 84) eine Reihe von griechischen Historikern, die auch das Vorgehen des Königs in Jerusalem nicht anders beurteilten. Der wohl auf Polybios zurückgehende Bericht in Jos. B. J. I, 31 ff. gibt wirklich diese Auffassung wieder. Antiochos, Gegner Roms, ,,rex iracundus et saevus" wurde nicht nur den Juden verhaßt2. Wir können uns weiter vorstellen, daß das ״Propagandabüro" der Seleukiden die gegen den Tempelschänder bei Lebzeiten und nach dem Tode gerichteten Vorwürfe abzuwehren strebte. Man erzählt uns, daß Antiochos III. für seinen Feldzug nach Elymais den Zwang, das Geld für römische Kontributionen zu sammeln, vorgespiegelt hat. ״Er hoffte unter dem Vorwand des Zwanges zur Tributzahlung den geplanten Tempelraub entschuldigen zu können" (Justin, XXXII, 2, 1). Noch besser war es natürlich, den Gegner selbst anzus chwärzen. Ein römischer Historiker, der vom obenerwähnten Tempelraub in Seleucia berichtet, fügt hinzu: ״Quadratus versucht davon die Römer zu reinigen, indem er die Einwohner von Seleucia beschuldigt, daß sie zuerst den Vertrag gebrochen hätten" (Script, hist, Augusti, V. Veri 8, 4). Die Verteidiger des Epiphanes wählten nach Josephus denselben Weg. Sie erfanden eine grausige Mär, um die Juden und ihren Tempel in den Augen der Welt verhaßt und verdächtig zu machen. Das Beispiel steht nicht einzig in unserer Ueberlieferung da. Die römische Volksmeinung verurteilte z. B. in der letzten republikanischen Zeit entschieden das Vorgehen gegen die fremden Kulte3. Dementsprechend verstand es die römische Polizei, als sie im Jahre 48 den Tempel der Ma-Bellona zerstörte, im Heiligtum viele Töpfe voll Menschenfleisch zu finden4. Als die Christen die berühmten Sarapis- und 1 Polyb. XXX, 26, 9. 2 Amm. Marc. XXII, 13, 1; vgl. A. Bouche-Leclercq, Hist, des Seleucides (1913) I, 256 ff. 8 Yaler. Maxim. I, 3, 3. 4 Dio Cass. XLII, 26, 2.