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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 4 · p. Seite 187

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 4
Article
Ritualmord und Eselskult
Date
1927-01-01
Page
Seite 187 (sequence 17)
Language
German
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Mithratempel in Alexandria schlossen, waren sie beidemal so glücklich, der empörten öffentlichen Meinung als einwandfreie Entschuldigung zahlreiche scheußliche Reste der Menschenopfer, die in den Tempeln entdeckt wurden, vorzuzeigen: ,,die Feder sträubt sich nieder־ zuschreiben, welche Untaten in jenen sogenannten heiligen Räumen heimlich begangen wurden. Wie viele abgeschnittene Kinderköpfe mit vergoldeten Lippen dort auf gefunden wurden“ (Rufinus, Hist, eccl. XI, 24; Socrates, Hist. eccl. III, 2). Das Propagandabüro der Seleukiden war offenbar bescheidener als das der alexandrinischen Kirche. Man begnügte sich nur mit einem Menschenopfer, das im jüdischen Tempel gefunden sein sollte. Man muß sagen: diese Bescheidenheit zeugt nicht von Tüchtigkeit des Propagandaleiters. Andere arbeiteten auch damals mit viel kräftigeren Mitteln. Die Geschichte von den wahnwitzigen Scheußlichkeiten des thrakischen Königs Diegulis und seines Sohnes Zibelmios bei Diodor XXXIII, 14 und XXXIV, 12 zeigt uns, was man in der zweiten Hälfte des II. Jahrhunderts sich erlaubte, zu Agitationszwecken von den ,,Barbaren“ zu erzählen. Beide thrakischen Könige waren nämlich Erzfeinde Attalos’ III. (159—138) und die Geschichten stammen gdwiß aus dem ,,Informationsbüro“ der pergamenischen Regierung. Nachdem die obenerwähnte delphische Inschrift einen dokumentarischen Beleg für die Propaganda dieser Art sowie für ihre Uebernahme von der Tradition (T. Livius XLII 13 und 40) gebracht hat, müssen wir damit rechnen, daß ein guter Teil unserer Tradition aus der hellenistischen Zeit auf die Bulletins der verschiedenen Informationsbüros zurück geht* 1. Es verdient wohl in diesem Zusammen־ hange notiert zu werden, daß die Greuelgeschichten des 30 jährigen Krieges in die historische Ueberlieferung genau aus derselben Quelle kamen: parteiische Flugschriften, die mit gefälschten Angaben und Dokumenten auf die öffentliche Meinung einzuwirken suchten2. Als Ergebnis der Interpretation können wir also folgendes feststellen: Josephus hat Recht, die Ritualmordf a b e 1 wurde von der seleukidischen Propaganda erfunden. Sie י wurde aus einem ethnographischen Bericht über die Opferung des ,,Saturnalienkönigs“ und einem ״topos“ der griechischen Agitationsliteratur über Verschwörung komponiert. _ (Schluß folgt.) 1 Polyb. VIII, 8 (10) spricht von Historikern, die aus der Furcht vor Philipp oder Zuneigung zu ihm die von ihm verübte Verwüstung Messeniens entschuldigten oder sogar ihn dafür lobten. 2 Hoeniger, Berlin, militär. Wochenblatt 1914, VII, 309.

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