Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ritualmord und Eselskult
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 14)
- Language
- German
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- Cicero 1× ep/1024888
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184 Schändung1. Es genügt, den Polybios, einen Zeitgenossen der Makkabäer, durchzublättern, um sich davon zu überzeugen. Oft erhoben beide kämpfenden Parteien die Anschuldigung gegeneinander, und zwar meistens beide mit vollem Rechte2. Polybios wundert sich einmal3, daß Philipp von Makedonien, selbst ein arger Tempelplünderer, die Sacrilegia seiner Feinde scharf geißelt, ohne zu merken, daß seine Angriffe zunächst ihn selbst treffen müßten. Die Empörung der öffentlichen Meinung gegen die Tempel- Schänder direkt sich am greifbarsten aus in der allgemeinen Er- Wartung, daß die göttliche Rache unabwendbar den Schuldigen erreichen werde4. Pyrrhos schrieb in seinen ,,Hypomnemataf ‘5 seine Niederlage dem Zorn der lokrischen Proserpina, deren Tempel er beraubt hatte, zu: es war natürlich schicklicher, von einer Göttin als von einem Römer besiegt zu sein. Aber auch ein Sulla6 oder ein Menophan7, die nachweislich der Verfolgung der Götter auszuweichen vermochten, werden in unserer Ueberlieferung unter denen, die der Gottesrache verfallen sind, genannt: das Weltgewissen forderte es. Noch am Ausgange des Heidentums berufen sich darauf seine Apologeten8: ,,sacrilegi quoque numerari possunt, quorum praesentibus poenis iniuriam suam di vindicasse creduntur“ — es sei leicht, die Tempelschänder aufzuführen, für deren Freveltaten die Götter sich durch sofortige Strafen gerächt haben. Die barbarischen Tempel standen natürlich, unter demselben Schutz der öffentlichen Meinung9. Wenn Cicero z. B. seinen Feind Piso den Römern verhaßt machen will, versäumt er nicht, ihm vorzuwerfen: ,,von dir ist das Heiligtum des Jupiter Zbelsurdis10, das älteste und vornehmste der Barbaren, geplündert worden. Deine Schandtaten haben die unsterblichen Götter an unseren Soldaten gesühnt“ (Cic. in Pisonem 5, 85: tua scelera di immortales in milites nostros expiaverunt). Als unter M. Aurel die bekannte Pestepidemie das Reich verheerte, wußten die Römer die Ursache zu nennen: die Armee des L. Verus hatte im parthischen Feldzug das Heiligtum von Seleukia geplündert (Ammian Marcell. XXIII, 6, 24). Das bezeichnendste 1 Bekanntlich wurde nach den Perserkriegen anderthalb Jahrhunderte lang der ,,Mederhaß“ gegen die tempelschänderischen Perser von den Griechen eifrig betrieben. Die Perser ihrerseits übten aber die Rache für den im ionischen Aufstande zerstörten Tempel in Sardes. Herod. V, 102 und dazu P. Perdrizet, Rev. Et. grecq. 1921, 57 ff. — Dittenb. Sylloge 768; Augustus Brief an Mylase: die Parther haben sogar die Tempel nicht verschont. 2 Siehe z. B. die Polemik der Akamanen gegen die Aetoler in der spartanischen Volksversammlung (Polyb. XV, 30, 1; 34, 8 ff.; 36, 5). 3 Polyb. V, 11. 4' Vgl. z. B. Herod. VI, 75; Diod. XX, 101; XXXI, 35; Dio Cass. LI, 8, 3. 5 Dion. Halic. XX, 10, 2. 6 Paus. IX, 33, 6. 7 Paus. III, 23, 4 und dazu Th. Reinach, Mithridates Eupator (Leipzig 1895) 137, 1. 8 Nach Lactant. Div. Inst. II, 7, 14. Es folgt ein interessanter Katalog der bestraften Tempelschänder. 9 Siehe z. B. Herod. I, 105; III, 30; Diod. XX, 101; Plin. Hist. nat. XXXIII, 83. Auch der jüdische Tempel: Dio Cass. LXVI, 1,1. Philo, Lrgatio § 291 —:3. 10 Zur Lesung und zum Gotte siehe C. F. Lehmann-Haupt, Klio, 17, 283 f.