Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ritualmord und Eselskult
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 13)
- Language
- German
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183 Entstehung des jüdischen Staates als Wille und Eifer der Makkabäer1. ,,Nachdem sie die römische Freundschaft erworben hatten, erhielten sie, als Erste unter den Orientalen, die Unabhängigkeit: die Römer waren damals auf Kosten des Anderen recht freigiebig“ (Justinus XXXVI, 3). In einem solchen, in den Strudel der internationalen Politik und der Weltdiplomatie einbezogenen Kampfe spielt immer die öf f entliehe Meinung der Welt eine besondere Rolle. Sie gehörte im II. Jahrhundert noch zu den mitbestimmenden Kräften bei allen politischen Komplikationen. Bei Polybios tritt das immer wieder hervor. Sogar eine alles überragende Macht, wie Rom, strebte im II. Jahrhundert unbedingt darauf ,,das Weltgewissen“ auf seiner Seite zu haben2. Eine delphische Inschrift hat uns z. B. den Text des römischen Rundschreibens an die griechischen Städte am Vorabend des III. makedonischen Krieges bewahrt; wir sehen, wie Rom in nicht weniger als 15 Anklagepunkten, darunter so blöden und gehässigen, wie der Verdächtigung, den römischen Senat vergiften zu wollen, den Perseus vor den Hellenen herunterzusetzen versucht3. Für die Juden war die Rolle der öffentlichen Meinung gewiß nicht weniger bedeutungsvoll. Nicht umsonst notierte Jason von Kyrene jeden Fall der hellenischen Sympathien für die jüdische Sache4! Wir dürfen annehmen, daß die Diaspora ihren Propagandafeldzug für die Makkabäer führte, und daß die Seleukiden nicht versäumten, ihrerseits den Gegner in den Augen der Welt anzuschwärzen. Nach einer verlockenden Vermutung besitzen wir noch ein Fragment aus diesem Kampfe. Bei Athenäus XII, 547 ist ein Erlaß, ein Schreiben eines Königs Antiochos mitgeteilt, in dem der König befiehlt, alle Philosophen aus der ,,Stadt“ und dem ,,Lande“ herauszujagen, ihre Schüler hinzurichten und deren Eltern zur Verantwortung zu ziehen. Der Brief ist sicher unecht und zwar eine politische Fälschung: es ist bekannt, wie leicht man damals die Briefe der Gegner fälschte. Auch dem Ptolemaios Euergetes II. sowie dem Lysimachos wurden die Philosophenaustreibungen zugeschrieben! ein Mittel, den betreffenden Herrscher in den Augen der gebildeten Welt verhaßt zu machen. Und es ist möglich, obwohl leider nicht zu beweisen, daß der in Aegypten gefälschte Erlaß des ,,Antiochos“ sich auf Epiphanes bezieht und dessen Urheber ein Jude war5. 8. Sacrilegmm• Eine beliebte Waffe der internationalen Propaganda j ener Epoche war aber gerade der Vorwurf der Tempel- 1 Vgl. E. Meyer, Ursprung des Christentums II; E. Täubler, ,,Tyche“ (1926) 129. 2 Polyb. XXVIII, 3: römische Gesandte bereisen im Anfänge des Krieges mit Perseus die griechischen Städte und rechtfertigen die Politik des Senats. Polybics (XX, 10, 7; XXV, 3, 1 B. W.) nennt das: sUTjvoxoTceTv. 3 Dittenberger Sy]löge II, 643. II Macc; 4gg. 5 Die Vermutung über die jüdische Fälschung des Antiochus»Briefes äußerte L. Radermacher, Rhein. Mus. 1901, 202 ff. Ueber die angebliche Maßnähme des Euergetes s. Athen. 184 c; über die des Lysimachus Athen. 610 d. Gefälschte Briefe: Polyb. V, 42, 7; 43, 5; 50, 1; Plut. Pyrrbus 6.