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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 4 · p. Seite 180

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 4
Article
Ritualmord und Eselskult
Date
1927-01-01
Page
Seite 180 (sequence 10)
Language
German
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180 Stellen wir die Hauptzüge des Ritus zusammen: ein Fremder wird gefangen in den Tempel gebracht, eingesperrt und von der Außenwelt abgeschlossen, dabei aber reich gepflegt und zwar genau ein J ahr lang. Nach Ablauf der Zeit wird er im Walde getötet, Das wiederholt sich jährlich zu festem Terminus: ,,singulis annis quodam tempore constituto“. Ich führe ein paar Parallelen an, die den Sinn des Berichtes gleich erkennen lassen. In Altmexiko wurde am 27. April am Feste der Sonnenwende, ״Toxatl“ genannt, ״das menschliche Abbild des Gottes Tezcatlipoca“ aufgestellt: ein Kriegsgefangener, der ein Jahr als Gottesabbild, reichlich gepflegt, gelebt hatte. Am Festtage wurde er außerhalb der Stadt getötet und dann gleich ein anderes Abbild vom Gotte erkoren, das ein anderes Jahr zu leben bestimmt war1, Die Albanier (Kaukasus) fangen im Walde einen von den Tempel־־ Sklaven, hielten ihn ein Jahr lang an der heiligen Kette, ernährten ihn aber üppig und opferten ihn dann, nach Ablauf des Jahres, außerhalb des Tempels2. Die Ssabier imHauran raubten vor Ostern irgendeinen Fremden, bewahrten ihn bis zu dem nächsten Osterfest, dann opferten sie ihn und beteten seinen Kopf an3. In Massalia (Marseille) bot sich ein Armer zur Opferung an, der dann ein volles Jahr auf Staatskosten ernährt wurde (״unus se ex pauperibus offerebatur alendus anno integro publicis sumptibus“). Dann wurde er, ״certo et sollemni die“, außerhalb der Stadt getötet4. Eine ähnliche Menschenopferung pflegte man auch in Abdera ״singulis annis“ und ״certis diebus“5 zu üben, Es ist klar, daß der apionische Tempelgefangene zu derselben Reihe gehört, auch er ist eine Variante der in der ganzen Welt wiederkehrenden Erscheinung des ״S a t u r n a 1 i e n k ö n i g s“6. Hier ist kein Ort, den Ursprung und Sinn des eigentümlichen Ritus zu untersuchen; es genügt, daß die apionische Geschichte in allen Einzelheiten dem Brauche entspricht7 und daß der Saturnalien- 1 B. de Sahagun bei E. Seler, Altmexikanische Studien (Veröffentl. aus den Kgl. Museen für Völkerkunde VI, 1899) 194 f. . 2 Strabo XI, 503. 3 D. Ghwolson, Die Ssabier (S. Petersb. 1856) II, 131, nach dem jakobitischen Patriarch Dionysius I, der das eigentlich von den ״Manichäern in Hauran“ erzählt. Ghw. wollte aber darunter die Ssabier verstehen. Ob mit Recht, entzieht sich meiner Kenntnis. Es ist auch möglich, daß Dionysius die ganze Darstellung erfunden hat. Vgl. ähnliches christliches Schauermärchen bei E. Amelinau, Mem. Miss. Archeol. d. Caire IV, 112. 4 Servius ad Aen. III, 57.; Schol. in Stat. Theb. X, 793. 5 Ovid, Ibis 467 f. mit Scholien. 6 Siehe J. G. Frazer, The Scapegoat (1913). :7 Ich stelle einige, vornehmlich antike Parallelen zusammen: A) Das Opfer ist ein Fremdling, ein zufälliger Wanderer. Das kommt besonders hekenntlich in Agrarriten vor, s. z. B. Apollodor. II, 116. Jamblich bei Diodor. II, 55, 3 erzählt in seinem Roman, daß die Aethiopen zur Lustration ihres Landes zwei Fremde fangen, die sie auf einem Boot ins Meer hinausschicken. Vgl. auch;die Legenden über die taurische Artemis; Plut. Parallel. 26 und 39. Ethnogr. Beispiele s. P. J. Hamilton-Grierson in Enc. of Relig. XI, 864 f. B) Das Motiv der reichen Verpflegung, sowie G) das der Einsperrung kommen in

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