Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ritualmord und Eselskult
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 8)
- Language
- German
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178 Rechtfertigung, die natürlich die Sünden der ,,alten Einwohner des heiligen Landes“, wie Götzendienst, Zauberei, Kindermord aufzählt. Und sie hielten, wird die Anklage fortgesetzt, wie Mysten aus dem Thiasos, ,,Eingeweide verzehrend, Mahlzeiten von Fleisch und Blut von Menschen“! (12, 6 ff.1). Für diese letzte Behauptung, im Unterschiede von der zuerst angeführten, hatte der Verfasser keinen Anhalt in der Bibel. Vielmehr wurde von ihm der ,,Gemeinplatz“ der hellenistischen politischen Literatur, wie schon seine zur Sache wenig passende Terminologie zeigt, einfach auf die Kananäer übertragen. Auch ein Zeichen, wenn man will, der Hellenisierung des Judentums! Uns liegt hier ein klassisches Beispiel vor, wie bequem ohne jeden Anlaß die Anthropophagie dem Gegner vorgeworfen werden konnte. Die Feinde des Christentums brauchten ebensowenig irgendein Mißverständnis, um ihre. Verleumdung zu verbreiten, wie die christliche Kirche selbst, als sie jene Verleumdung Zug um Zug wiederholend, gegen eigene Sekten: Montanisten2, Manichäer, Euhaiten3 erhob. Hat nicht sogar ein Tertullian, Montanist geworden, 16 Jahre nach dem ״Apologeticum“, von der kirchlichen ״Agape“ gesagt: ,,adulescentes tui cum sororibus dormiunt4!“ 4. ״Devotio“. Ihren Eid leisten die Juden, wie es einer ,,conjuratio“ geziemt, auf das Menschenopfer. Das Opfer ist aber diesmal gerade ein Vertreter des Feindesstammes, die Feindschaftserklärung gegen die Hellenen wird durch die rituelle Tötung eines Hellenen begleitet: ,,ius iurandum facere in immolatione Graeci, ut inimicitias contra Graecos haberent“. Das ist ein Akt der ,,devotio“, der Auslieferung des Feindes an die Unterirdischen, wie ihn auch z. B. die Bukolen bei Dio Cassius (s. S. 6) verrichten. Die ,,devotio contra hostem“ ist nämlich eine stark verbreitete, z. B. in der offiziellen römischen und in den hellenischen Religionen übliche5, Art des Zaubers, und auch die spezielle Form, wie sie Apion beschreibt, kommt öfters vor. So ergreifen die griechischen und karischen Söldner des Psämmetichos II die Kinder der Feindesführer, töten sie und trinken ihr Blut vor der Schlacht6. Die schön bekehrten Franken opfern vor dem Zusammenstoß mit den Goten, im Jahre 539, einige ge fangengenommene Frauen und Kinder als ,,Erstlinge des Krieges7“. In derselben Weise handelten die Hunnen, als sie ihren Zug gegen die Skythen antraten8. Von den alten Preußen wird berichtet9: ,,jor 1 Die Uebersetzung nach G. Siegfried in Kautzsch’ Apokryphen d. A. T. 2 Cyrillus in Migne Patrol. graeca XXXIII, 928־; August, de haeres, 26. Vgl. Ph. de Labriolle, Sources de l’histoire de montanisme (Fribourg 1913), Nr. 76, 100, 113, 144. 3 Psellus in Migne, P. G. CXXII, 832. 4 Tertull. de ieunio, 17, cit. von Waltzing a. a. 0. 30, 5. 5 Vgl. F. Schwann, Arch. f. Religionswissensch. 21 (1922) 62 ff. 6 Herod. 3, 11. 7 Procop. bell. Goth. 2, 25. Vgl. z. B. noch Florus 2, 30, 24. 8 Jordanes 24, 125 aus Priscus. 9 Simon Gronovius, Preußische Chronik III, 5, 1. Die Glaubwürdigkeit dieses Schriftstellers, der, wie es scheint, dem Redakteur der ,,Historia Augusta“ nach seiner ganzen Art recht ähnlich ist, wird übrigens stark be־