Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ritualmord und Eselskult
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 7)
- Language
- German
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177 antichristlichen Schrift des berühmten Rhetors und Erziehers des M. Aurelius, Fronton, gibt, läßt deutlich denselben ,,To p ö s“ der ״Conjuratio“ erkennen. Der aufzunehmende Christ (״qui sacris imbuatur“) habe durch Messerstiche, unwissentlich, ein mit Mehl bedecktes neugeborenes Kind zu töten, dessen Blut man dann lecke und dessen Glieder verzehre. Dadurch werde der christliche Bund bewirkt, das gegenseitige Schweigen verbürgt: ״hac foederantur hostia, hac conscientia sceleris ad silentium mutuum pignerantur“. Irgendein Eid wird in diesem Berichte gar nicht erwähnt. Das Verbrechen an sich ist der Mörtel dieser Gesellschaft von ״hostes generis humani“ (Tertull. Apol. 37). Wie man es auch den geheimen Gesellschaften der Primitiven nachsagt1, wird der Neueingeweihte durch die unwissentliche Vollbringung der grausigen Handlung in das Netz der Christen gefangen. Aehnliches erzählte man in Rom seinerzeit von den Bacchanalien2, und die Variante der Apollodoros- Erzählung bietet eine beachtenswerte Parallele zum Minucius Felix (Polyaen. VI, 7,2): Apollodor opferte einen Knaben, ließ aus dessen Eingeweiden ein Mahl zubereiten und setzte es den Mit verschworenen vor. ,,Nachdem sie gegessen und dazu das Blut des Opfers, das mit dunklem Wein vermischt war, getrunken hatten, zeigte er ihnen die Leiche und sicherte sich durch diese gemeinsame Befleckung ihre Treue.“ Wie früh die Anschuldigung entstanden bzw. aus der hellenistischen politischen Literatur übernommen sein mag, wissen wir leider nicht. Der Ausdruck ״Thyestesmahl“, der auf dieselbe Vor- Stellung hinweist, wird auch erst im letzten Viertel des II. Jhd.n. Chr. gebraucht3. Plinius, der sich wundert, daß die Untersuchung erwiesen habe, daß die Christen sich eidlich nicht irgendwelcher Untat wegen, sondern zu friedlichen Zwecken verpflichteten (Plin. Epist. X,96), setzt wohl die Version voraus, die doch vom christlichen Eide sprach. Es ist aber möglich, daß schon die Juden, in denen Justin und Origenes4 die Urheber der Anschuldigung, vielleicht nicht mit Unrecht, sahen, die bei Minucius auftretende Variante des hellenistischen ,,topos“ gegen die Christen gerichtet haben. Wirft doch der pharisäische Verfasser des Ps. Salom. 8 seinen Parteigegnern oedipodeische Umarmungen ,,in unterirdischen Höhlen“ vor5! Am bezeichnendsten ist aber eine Stelle in der etwa im I. Jhd. v. Chr. in Aegypten entstandenen ״W e i s h e i t Salomos“. Die alexandrinische Polemik, die gern einen Anhalt in der Bibel suchte6, warf den Juden unter anderem die unrechtmäßige Besitznahme Palästinas vor7. In ,,Sap. Sal.“ findet sich eine darauf bezügliche 1 Vgl. G. G. Murray in ,,Die Anthropologie und die Klassikerte (1910) 92. 2 ,,Clandestinae conjurationes“ nennt sie Livius (XXXIX, 8). Als ,,vinculum sceleris“ sollte diesmal nicht das Menschenopfer, sondern das ,,stuprum“ sein. Vgl. S. Rein ach, Cultes, mythes et religions III, 265 ff. 3 Athenagor. 3, Euseb. Hist. eccl. V, 1, 14. 4 Justin, Dial. 17; Origen, c. Gels. VI, 27. 5 Siehe E. Meyer, Ursprung und Anfänge des Christentums II (1921) 317. 0 J. Levy, Rev. Et. juiv. 63 (1912) 211 ff. 7 Siehe die von L. Ginzherg in MGWJ 1899, 491 und V. Aptowitzer in Rev. Et. juiv. 82 (1926) 275 ff. gesammelten Texte. Die Stelle in der ,,Sap. Sal“, ist dabei übersehen. Monatsschrift, 71. Jahrgang.