Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ritualmord und Eselskult
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 3)
- Language
- German
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173 nur gegen irgendeinen bestimmten Feind. Anders, der jüdische; ,,Feindhaß gegen alle Anderen“ (Tac.,. Hist. V, 5). Die jüdische A b so n d e ru n g frappierte die Griechen von der ersten Bekanntschaft an. Mit dem der griechischen Ethnographie eigentümlichen Suchen nach dem ,,aition“, d. h. nach dem einmaligen geschichtlichen Ereignis, das sich in dem zu erklärenden Brauche widerspiegeln soll, fanden sie die Erklärung der jüdischen Absonderung im Auszuge aus Aeg3^pten: sie stamme von Moses, meinte im Anfänge des III. Jhd. v. Chr. Hekatäios v. Abdera: ,,weil er selber als Fremdling vertrieben war, führte er die menschenscheue und fremdenfeindliche Lebensart der Juden ein1“. Der weise Gesetzgeber, wie etwa Lykurg, mit dem Moses im Altertum, wohl nach Poseidonios, öfters zusammengestellt wurde2, vereidigt das Volk auf seine Satzungen, um ihre Unabänderlichkeit festzulegen. Moses verfuhr, wie bei Historikern zu lesen war3, auf dieselbe Weise. Und damit war das jüdische Verhalten, wenigstens für wohlwollendere Beurteiler, entschuldbar: das Festhalten an der Tradition erschien dem antiken Menschen in der Regel als lobenswert4. Ebendarum betont der judenfeindliche Tacitus, indem er die Hypothese des Poseidonios auf greift, daß die jüdischen Exklusivitätsgesetze erst späteren Ursprunges seien5. Die apionische Erzählung übernimmt aus der ethnographischen Literatur dieses Eidmotiv, gestaltet es aber um: jährlich wieder und wieder binden sich die Juden — aber nicht um ihre Gesetze zu befolgen, -sondern alle Menschen, insbesondere die Hellenen, zu hassen. 2. ,,Conjuratio“. Ihren grausigen Eid leisten die Juden auf das Menschenopfer, von dessen Eingeweiden sie kosten: ,,et gustare ex visceribus eius et ius iurandum facere in immolatione“. Diese Form des Schwurritus ist weder semitisch noch ,griechisch. Das Opfer beim Eide ist bekanntlich eine Zauberhandlung ,,per analogiam“, welche für den Eidbrüchigen das Los des dabei geschlachteten Tieres erwirken soll6. Den Kontakt zwischen den Schwörenden und dem Opfer, der dazu erforderlich ist, pflegten aber die Mittelmeervölker nicht durch Kosten vom Tiere, sondern 3 Bei Diodor, XL, 3, 5. Vgl. Justin, XXXVI, 3. 2 Diodor I, 94; Slrabo XVI, 462: Jos.G. Ap. II, 225. Vgl. auch Augustinus 4e civit. Dei X, 13. 3 So schon Manethon bei Jos. C. Ap., I, 238; Lysimachus bei Jos. C. Ap., I, 309. 4 Tacitus Hist. V, 5 über die Gesetze des Moses: ,,hi ritus quoquo modo anducti antiquitate defenduntur66. Origenes c. Celsum V, 43. 5 Tac. Hist. V, 5. 6 Das ethnographische Material über den Eid ist zusammengestellt von R. Lasch, Der Eid (in ,,Studien und Forschungen zur Mensch- und Völkerkünde‘6 V) Stuttg. 1908. Weiteres findet man in Hastings Encycl. of Religion and Ethics. v. ,,Govenant66 (B. IV) und ,,Oathcc (B. IX), bei E. Westermarck, Urspr. und Gesch. der Moralbegriffe (1907—09); J. G. Frazer, Folk-Lore in the Old-Testament (1919) I, 392 ff. — Zur Theorie des Schwures s. noeh.Thurnwald in ,,Reallex. für Vorgeschichte66 s. v. Eid und insbesondere A. Loisy, Essai sur le sacrifice (1920) 287 ff. — Zum griechischen Eide vgl. F. Pfister in Pauly-Wissowa, Realenz. XI, 2, 2171 ff.; P. Stengel, Griech. Kultusaltertümer (1920) 137; E. Samter, Volkskunde im altsprachl. Unterricht (1923) 31 ff. ■— Zum semitischen: Johs. Pedersen, Der Eid bei den Semiten (1914).