Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 4 · p. Seite 166

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 4
Article
Zur Geschichte religiöser Bräuche
Date
1927-01-01
Page
Seite 166 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2829132-2829943-2829947-2833931--47532-2833973
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

166 Gefäßen am ,,Polterabend'' vor der Hochzeit (daher der Nariie ,,Polterabend")1. Die letzte Sitte findet sich auch irri Judentum. Als R. Aschi bei der Hochzeit seines Sohnes bemerkte, daß die Gesetzesjünger ihrer heiteren Laune die Zügel schießen lassen, zerbrach er ein kostbares Gefäß, um dadurch die übersprudelnde Heiterkeit der Hochzeitsgäste zu dämpfen2 3. Bei den deutschen Juden im Mittelalter warf der Bräutigam eines der Gläser, die zu den üblichen Segenssprüchen über den Wein benutzt worden waren, an die Wand, daß es zerschellte. Das Zerbrechen des Glases bei der jüdischen Hochzeit hatte jedoch nicht die Bestimmung, die Dämonen von dem Brautpaare fernzuhalten, sondern die Freude der Fröhlichen zu mäßigen und an die Zerstörung Jerusalems zu erinnern*. So hat sich ein magisches Abwehrmittel, das gegen die Dämonen gerichtet war, zu einem religiösen Symbol gewandelt. Die römische Braut legte einen As, den sie am Fuße oder unter dem Fuße hatte, auf dem Herde als dem Altäre der Laren nieder und erwarb durch diese Opfergäbe den Schutz der Hauslaren und die Aufnahme in die Kultgemeinschaft des Hauses. Einen zweiten As, den sie in der Tasche trug, ließ die Braut an dem benachbarten Kreuzweg erklingen, um durch ihn den Schutz der Götter, die ihre neuen Bezirksgenossen beschirmten, und die Aufnahme in die größere Kultgemeinschaft ihres Stadtbezirkes zu erwerben4. Bei anderen Völkern gab die Braut eine Geldmünze nicht den Hausgöttern, sondern den bösen Geistern, um sie zu besänftigen. So hielt in Franken die Braut bei der Trauung ein Geldstück heimlich unter dem Oberarm und ließ es beim Verlassen der Kirche fallen, um sich vor Behexung zu schützen5. Diese Sitte erhielt bei den deutschen Juden eine andere Wendung. Auf dem Synagogenhof zu Mainz wurden Braut und Bräutigam mit Weizenkörnern bestreut, unter die Weizenkörner aber wurden Geldmünzen gemischt, die von den Armen aufgelesen wurden6. Nicht als Opfergabe zur Besänftigung der bösen Geister dienten die Geldmünzen, sondern als Spende für die Armen. Aus einer gegen die Dämonen gerichteten Zauberhandlung ist ein Brauch geworden, der einen ethischen und idealen Sinn hat. Wie die äußere Form eines Brauches bleibt, während das Motiv, aus dem er hervorgegangen, und der Zweck, auf den er gerichtet gewesen ist, sich wandeln, zeigt sich noch an einem anderen Beispiel. Die Nacht galt überall als die Zeit der Geister, und der Schlafende galt als besonders gefährdet. Denn die Seele des Schlafenden weilt außerhalb des Leibes, und die Gefahr ist um so größer, daß die Geister der Seele habhaft werden. In Venedig stand neben der Wöchnerin eine Dienerin, um sie vom Schlaf abzuhalten und 1 Samter 62. Scheftelowitz, Schlangen- und Netzmotiv, Gießen 1912, 53* 2 Berach. 31a. 3 Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens III 122. 4 Samter, Familienfeste der Griechen und Römer, Berlin 1901, 19 i. 5 Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, Hamburg 1860, 205. Bei den Juden in Jerusalem werden Münzen oder Schmuckgegenstände aus Gold dem Bräutigam in die Schuhe gelegt, um ihn vor Behexung zu schützen. Luncz I 8, Note 18. 6 Berliner, Aus dem Leben der deutschen Juden 47.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.