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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 3 · p. Seite 98

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 3
Article
Samuel Formstecher
Date
1927-01-01
Page
Seite 98 (sequence 11)
Language
German
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96: dem Judentum sieht, in manchen Punkten beiseite gesetzt wird. Wenn Formstecher von der Natur, die der sittlich Aktive als ständigen Widerpart erlebt, sagt, daß auch sie ״in Gott sei'1״, wie sehr Gott selbst sich durch sie nicht erschöpfe, so muß diese Meinung noch nicht als theoretische Erschleichung eines alle theoretische Erfahrung übersteigenden Gegenstandes gelten. Denn diese Meinung ist vielmehr nur Ausdruck des religiösen Bewußtseins, das besagt, daß diese Welt in ihrer Ganzheit auch dort, wo sie uns entgegensteht und wir den Plan Gottes nicht begreifen, der sie uns entgegenstehen läßt, doch Schöpfung Gottes ist. Diese Meinung ist Ausdruck echten religiösen Vertrauens, das auch dort unerschüttert bleibt, wo wir auf eine Fülle von Negativitäten stoßen, denen gegenüber unsere Maßstäbe nicht zureichen. Fast scheint es nun, daß Formstecher weiter geht und eine Theodizee der Natur versucht. ״Die Revolutionen2 des Erdkörpers sind nicht zufällige Empörungen selbständiger, vergötterter Naturkräfte, sondern wohlüberdachte, das Sittlichgute bezweckende Wirkungen einer frei waltenden Vorsehung. Die Sündflut ist eine Sendung des liebevollen Gottes zur Bestrafung des Menschengeschlechts sowie das warnende tote Meer nur wegen eines sittlich entarteten Volkes entstand/' Das ist nicht mehr die Ausdrucks weise religiösen Vertrauens, sondern Gewißheit beanspruchende Verstandeserklärung. Daß dies aber nicht im eigentlichen Entwurf Formstechers liegt, und daß wir hier nur vor einer vereinzelten, aus dem Rahmen fallenden Aeußerung stehen, zeigt der Vorwurf, den er der pantheistischen Metaphysik, er sagt Heidentum, macht, daß sie als Gott die hypostasierte Natur setzt und doch das Materielle in seiner Wertwidrigkeit und Wertindif f er enzT von ihm geschieden sehen will. ״Die Natur3 ist Gott, so lehrt das Heidentum, dieser Gott selbst kann also nichts Unvollkommenes hervorbringen; bietet aber die Wirklichkeit dennoch unvollkommene Erscheinungen dar, so müssen diese jenem Wesen entflossen sein, welches nicht mehr in Gott, sondern von demselben abgefallen ist.. Unbekümmert um den Widerspruch, daß nach einem streng monotheistischen Prinzip sogar die Ursache des Abfalls unmöglich ist, läßt das Heidentum einen Teil seiner Gottheit abfallen, sich selbst als Gott negieren und von dieser Negation der Gottheit alles Unvollkommene des Daseins ausgehen/' Ebenso wie hier durch die von vornherein stattfindende Setzung eines Nicht-Göttlichen in Gott, so auch durch die ebenfalls von Formstecher erwähnte Emanationstheorie, bei der das in der Emanationsskala fernere auch das werttiefere ist, täuscht der metaphysische Monismus über den in ihm waltenden Widerspruch hinweg. ״Der Heide4 kann es wagen, ein System der Welt zu konstruieren und sie begreifen zu wollen, denn seine Welt ist die Natur mit ihren stabilen Gesetzen; nicht aber der Jude, welcher sich bescheidet, in die verborgene Werkstätte seines Gottes niemals eindringen zu können, dahin, wo eine unerforschliche Freiheit waltet. Der Heide kann es wagen, ein System der Weltgeschichte zu konstruieren, einen apriorischen Pragmatismus aufzustellen, nach welchem alle Erscheinungen sich regeln müssen, denn ihm ist das Triebwerk 1 S. 145. 2 S. 113. 8 S. 127; 4 S-. 117.

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