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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 3 · p. Seite 99

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 3
Article
Samuel Formstecher
Date
1927-01-01
Page
Seite 99 (sequence 12)
Language
German
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ü99 des Merischengeistes nur die wohlerkannte und abgemessene Bewegung einer von Ewigkeit her aufgezogenen Uhr; nicht aber der Jude wird dieses wagen, weil er, vor einer unergründlichen, göttlichen Weisheit niederkniend, demütig spricht: Gottes Gedanken sind nicht meine Gedanken, und meine Wege sind nicht Gottes Wege (Jes 358, 0). Das Wesen der Welt kann nicht aufgefaßt werden als logische Einheit, die aus Gott in starrer Notwendigkeit folgen würde, sondern es muß das Verhältnis Gottes zur Welt unter dem Bilde ״des ursprünglichen Schaffens und Her Vorbringens' *1 gezeichnet werden. ,,Gott muß nicht eine Welt ins Dasein rufen"2, sondern er schafft sie aus Gnade mit sich selbst bestimmender Freiheit." In einem pantheistischen Monismus bedeutet die Tatsache des Vorhandenseins von Wertwidrigem, von Bösem, den inneren Widerspruch dieses Systems. Erst bei einem extramundanen Gottesbegriff schwindet dieser Wider- Spruch. Denn mit dem Wegfall der Gleichung, Gott ist gleich Welt, besteht keine Notwendigkeit mehr, das Böse in seiner Existenz wegzudeuten, die in einer gottgeschaffenen Welt allen Erklärungsversuchen zum Trotz (das Böse in seiner Wertwidrigkeit als Strafe, Läuterung, Prüfung, das Böse in seiner Wertindifferenz als Material des sittlichen Kampfes) eine paradoxe bleibt. Vielmehr ist die Bahn frei gemacht, auf die eigentlich religiöse Stellungnahme dem Bösen gegenüber hinzuweisen, die, der Unausschöpfbarkeit der göttlichen Wertfülle gewiß, eben deshalb von vornherin an ein endgültiges Begreifen gar nicht denkt. Die Gleichung des Pantheismus Gott ist gleich Welt ergibt für die Ethik den Grundsatz: Sei du wie Gott3. Dieser Grundsatz kann sich nun zwiefach auswirken: Entweder ist das Augenmerk auf die untermenschlichen Eigenschaften des Individuums gerichtet, dann ist die Askese das Mittel, zur Gottheit in ihrer ungeteilten Ganzheit zu gelangen. Oder man sieht im Menschen den rechtmäßigen Vertreter der Göttlichkeit, dann ist es im Gegenteil bacchische Steigerung des Ichs, die das Festhalten der Gottesnähe durchführen soll. Zu solchen Extremen, von denen das Judentum frei ist, führt der Pantheismus, wie Formstecher aüsführt. Er fügt hinzu, daß mit dem Fehlen des Freiheitsgedankens auch ein ganz bestimmter Erlösungsgedanke folgender Art verbunden ist: Die Möglichkeit der Freiheit wird geleugnet, denn der Welt- Zusammenhang, den der Pantheismus lehrt, laßt keinen Raum für ein Feld unbestimmter, erst durch sittliche Zielsetzung bestimmbarer Erscheinungen. Mit diesem Determinismus hängt dann ein quietistischer Erlösungsgedanke zusammen. Der in die Weltgesetzlichkeit hilflos verflochtene, unfreie Mensch wartet, wie die Frucht auf die Reife, auf die Erlösung4. Diesen Gedanken stellt Formstecher die ganz anderen des Judentums gegenüber, das an der Möglichkeit der Freiheit festhält und damit eine Erlösungs- Vorstellung entwickelt, die nie die Aktivität des Subjekts ausschaltet. 1 S, 112.; 2 S. 116. 8 S. 156. 4 S. 61, 184 ff. 7*

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