Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Samuel Formstecher
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 7)
- Language
- German
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94 dieselbe Entwicklungsstrüktur: sein, in der diese Darstellung und Auseinandersetzung von primitiver zur vollendetsten Form erfolgt. Daher sind auf solche Gesichtspunkte zurückgehende Vergleiche noch nicht entscheidend, da vielmehr auf die der Religion zugrundeliegende Offenbarung geachtet werden muß, und von deren Wesen allein aus können Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten festgestellt werden. Einen festbestimmten Zeitpunkt für das Inkrafttreten der Offenbarung anzugeben, wie man etwa die Zeit der Entdeckung Amerikas angeben kann, ist unmöglich. ״Denn1 der Offenbarungsmoment ist derjenige Zeitpunkt, aus welchem der Mensch aus seinem Gefühlsleben zum Leben des religiösen Selbstbewußtsein erwacht, und dieses Erwachen ist nicht der Akt eines Augenblickes, sondern der geistige Entwicklungsgang, durch viele Generationen/' Eine Menschheit, die den Besitz der Offenbarung noch nicht gehabt hätte, kennen wir nicht. Es gab2, wie Formstecher es ausdrückt, schon vor Moses ein Judentum. Die Gesetzgebung am Berge Sinai enthält keine Lehre, die nicht schon vorher bekannt gewesen wäre, die Begebenheit am Sinai stellt vielmehr das Schließen eines Bundes zwischen Gott und Israel dar, und zwar eines Bundes, den Gott schon mit den Vorfahren geschlossen hat. Und wie wir von einem Anfang der Offenbarung als fixierbarem Zeitpunkt nicht sprechen können, so kann auch nicht die Rede sein von ihrem endgültigen Abgeschlossensein, wenn auch das Wesen ,,der produktiv schaffenden Offenbarung“ in der Zeit der Propheten verschieden ist von dem der ,,erläuternden Offenbarung“ der durch die heilige Schrift bereits geführten Generation. Wie sehr wir auch andererseits etwas ganz eindeutig Bestimmten meinen, wenn wir von der Offenbarung des Judentums reden, so verstehen wir doch das Wesen dieser Offenbarung nur als eben ״die ununterbrochen fortschreitende Einwirkung Gottes auf den menschlichen Geist“. Unter den Empfängern der Offenbarung nimmt eine hervorragende Stelle ein: der Prophet. Formstecher charakterisiert die Sonderstellung des Propheten vor den andern Gläubigen zunächst, indem er darauf hinweist3, daß der Prophet die Erkenntnissphäre seines Zeitalters durchbricht und bereits von Zusammenhängen weiß, die seiner Zeit noch verborgen sind. Diese Charakteristik würde wohl mit der bereits erwähnten Ansicht Formstechers in Einklang stehen, welche auf das Mitbeteiligtsein der Vernunft beim Erfassen der Offenbarung hinwies. Aber unser Autor läßt doch keinen Zweifel darüber, daß er den eigentlichen Akt der Prophetie in einer Leistung sieht, die sich vom gewöhnlichen Erkennen nicht bloß quantitativ, sondern einfach prinzipiell unterscheidet. Das Erfassen der Offenbarung, die Prophetie, ist kein auf hoher Stufe stehendes Wissen, sie ist überhaupt kein Wissen. ״Objekt der. Prophetie ist nicht das durch die Reflexion, sondern das durch das unmittelbare Gefühl produzierte Wissen. Sie schöpft es als göttliche Wahrheit nicht erst mittelbar durch das Denken, sondern unmittelbar . . . . aus der objektiven Quelle des Absoluten. 1 S. 73. 3 S. 75 ff. 2 ß. 89 ff.