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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 3 · p. Seite 93

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 3
Article
Samuel Formstecher
Date
1927-01-01
Page
Seite 93 (sequence 6)
Language
German
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93 Sv Heidentum ist physischer Monotheismus. Hier stehen dem höchsten ethischen Wert nicht mehr Werte aus dem Gebiete der Aesthetik gegenüber. Was ihm nunmehr entgegengesetzt wird, ist der logische Wert der höchsten rationalen Einheit. Damit ist etwas ganz anderes in den Mittelpunkt gerückt, als es im ethischen Monotheismus der Fall ist, und zwar eine Einheit, die mit schöpferischer Freiheit und überquellender Liebe einer höchsten Person nicht das Geringste zu tun hat, vielmehr als höchster Begriff dem Verstände sich darbietet, aus dem dieser die ganze Fülle unserer Wirklichkeit mit logischer Notwendigkeit herleiten kann. Die Einheit dagegen, die das Judentum meint, ist vom sittlichen Bewußtsein aus erschaut: Gott ist höchste Person und nicht höchster Begriff. ״Seine Einheit1 ist eine konkrete, aber nicht erst eine durch Abstraktion aus der Vielheit gewonnene Totalität; er kann deshalb, ohne durch einen dialektischen Prozeß ermittelt zu sein, als einziges Wesen in das Bewußtsein des Volkes treten und hat nicht nötig, als einziges Wesen nur in den Mysterien einiger Erleuchteter zu weilen/‘ Die Offenbarung, die das Judentum repräsentiert, ist Offenbarung der sittlichen Person, sie ist daher nicht anzusehen als intellektueller Besitz von Personen, die im Bereiche der Erkenntnis eine auszeichnende oder die höchste Stufe erreicht haben. ״Vernunft2 und Offenbarung sind ganz verschiedenartige Manifestationen des Geistes/‘ Wie sehr auch die Vernunft berufen ist, den Inhalt der Offenbarung auszuschöpfen und darzustellen, dieser Inhalt selbst ist nicht rationaler Natur. Die Rolle, welche daher alle Metaphysik im Judentum spielen darf, ist fest bestimmt. Wohl war das Judentum oft gezwungen, sich in seinem Kampfe mit der ,,alles wissen wollenden Gnosis“3 der theoretischen Diktion zu bedienen, und gegen das ״in seiner Gnosis sich gewaltig spreizende Heidentum“ sich behauptend, sich mit dem ״Modegewande“ metaphysischer Reflexionen zu umhüllen. Doch ist das Judentum ״in seinen rein prophetischen und ungemischt traditionellen Lehren“ ‘frei von der Neigung, die von aller Praxis losgelöste Vernunft und ihre möglichen Einsichten in den Mittelpunkt des religiösen Lebens zu stellen. Zur Religion4 verhält sich die Offenbarung wie wesenhafter Gehalt zur Darstellung dieses Gehaltes. Da, wie bereits gesagt wurde, die Offenbarung eindeutig charakterisiert ist, ob Gott erlebt wird von der Welt der ethischen Werte aus, die als die ästhetischen und logischen Werte überragend gesetzt werden, oder ob Gott erlebt wird eben von den nicht-ethischen Werten aus, so ergibt sich, daß es eigentlich nur zwei Religionen geben kann, und deren Namen — Judentum und Heidentum — wurden bereits erwähnt. Achtet6 man nur auf die Formen der Religion, ohne eben auf die sie bestimmende Offenbarung zurückzugehen, so wird man mit Recht eine Fülle von Aehnlichkeiten und Gemeinsamkeiten finden. Denn sofern in der Religion rationale Darstellung, theoretische Auseinandersetzung gegeben wird, können es ja nur dieselben logischen und psychologischen Gesetze sein, die sich hüben und drüben auswirken, muß es ja auch 1 S. 109. 2 S, 33. 3 S. 105. 4־S. 64. 5 S. 64 ff.

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