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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 3 · p. Seite 89

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 3
Article
Samuel Formstecher
Date
1927-01-01
Page
Seite 89 (sequence 2)
Language
German
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89 aber es ist doch klar, daß die ganze Problemstellung nur in der Atmosphäre der Hegelschen und Schellingschen Philosophie entstehen konnte. Zunächst ist es Hege 1, ah den Formstechers philosophischer Stil gemahnt. So heißt das Judentum ״ein1 Teil der Manifestation des Menschengeistes/' Und seine Geschichte wird betrachtet als ein ״ununterbrochenes Streben nach der Realisierung seines absolut wahren Ideals." Demgemäß wird ein ״Unterschied2 gemacht zwischen dem Judentum in seiner Erscheinung und dem in der Idee." In der Darstellung eines Judentums nach seiner Idee wird ein normgebender Maßstab geliefert, nach welchem das Judentum in seiner Erscheinung auf einem jeden Stadium seines Entwicklungsganges beurteilt werden muß." Aber es ist nicht nur die philosophische Diktion, die an Hegel gemahnt. Hegels tiefe, geschichtsphilosophische Einsichten, die trotz aller Neigung zu Konstruktivem von großer Kenntnis der geschichtlichen Tatsachen zeugen, hat sich Formstecher zu eigen gemacht. Auch innerhalb der Religions- Philosophie, in der sich bei Hegel die große Begabung der Romantik für eigentlich religiöse Phänomene zeigt, ist Formstecher gelehriger Schüler. (Von rationalistischen Einseitigkeiten ist Formstecher, der das Wort niederschrieb, die Vernunft könne irren, das Gefühl nicht, jedenfalls fern). Aber Formstecher ist kein Hegelianer. Folgende Kritik möge dies zeigen: ״Wie kann das höchste philosophische Bewußtsein des Menschen das absolute Bewußtsein Gottes genannt werden, wie kann der Mensch seinen Gott erkennen und, weil sein Bewußtsein sich in Subjektives und Objektives differenziert, auch das Absolute nach denselben Denkgesetzen konstruieren, da doch der menschliche Geist selbst auf dem Culminationsp unkt seiner Vollendung nur das Selbstbewußtsein der Erde und nicht das des Universums ist?"3 Mehr als an Hegel ist Formstecher an Sehe lling orientiert, dessen grandiose, naturphilosophische Konzeption er in vielen Teilen übernimmt. Zunächst die metaphysische Deszendenztheorie: der Unterschied zwischen anorganischer und organischer Natur ist hinfällig, es ist ein einziger Lebensstrom, der durch das ganze Uni־ versum geht4. ״Alle Kräfte," schreibt Formstecher, ״welche als Erscheinungen wahrgenommen werden, sind Kräfte der Weltseele; die Pflanze, welche meinen Sinnen sich darbietet, ist eine verkörperte Kraft der Weltseele, das ganze Tiergeschlecht ist die Hypostase einer Kraft derselben; unsere Erde, unser Sonnensystem, das System der ganzen Milchstraße, das unendliche Universum ist die Offenbarung eines Organismus von Kräften einer Weltseele,/ist Enthüllung, eine Entäußerung ihrer Fähigkeiten." Dieser Begriff der Weltseele stammt in dieser hier vorgetragenen Form von Schelling, der die Weltseele das Prinzip nennt, ״welches die Kontinuität der 1 S. 5. 2 S. 12. 8 S. 22. (Die Zitate sind dem Hauptwerk Formstechers entnommen: Die Religion des Geistes, eine wissenschaftliche Darstellung des Judentums nach seinem Charakter, Entwicklungsgänge und Berufe in der Menschheit: Frankfurt a. M., Hermansche Buchhandlung, 1841.) 4 S.H9.

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