Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Samuel Formstecher
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 1)
- Language
- German
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88 Samuel Formstectaer. Ein Beitrag zur Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie im neunzehnten Jahrhundert. Von Rabbiner Dt. Ignaz Maybaum in Bingen a. Rh. Salomon Formstecher wurde am 28. Juli 1808 in Offenbach a. M. geboren, wo sein Vater mittels der Holzformenstecher-Kunst — dieser Beruf gab schließlich die Veranlassung zur Annahme des Familiennamens —י seine zahlreiche Familie mit fleißiger Handarbeit ernährte. Bis zum Jahre 1827 besuchte Formstecher die fürstl. Isenburgische lateinische Schule seines Geburtsortes und genoß beim dortigen Rabbiner Unterricht in der hebräischen Sprache und den rabbinischen Wissenschaften. Im. Frühjahr 1828 bezog er nach bestandener Reifeprüfung die Universität Gießen, wo er sich dem Studium der Philosophie, Philologie und Theologie widmete. Ende August 1831 in Gießen zum Doktor der Philosophie promoviert, kehrte er ins Vaterhaus zurück und lag dem weiteren Studium der jüdischen Theologie mit Fleiß ob. Im Herbst 1832 weihte er die renovierte Synagoge seiner Vaterstadt ein und wurde bald nachher als Prediger und Religionslehrer der Gemeinde angestellt. Seit dieser Zeit wird in Offenbach regelmäßig an Sabbath- und Festtagen gepredigt und die Konfirmation alljährlich abgehalten. 1842 wurde Formstecher nach dem Tode des Rabbi Metz, Großherzogi. Rabbiner von Offenbach. 1867 feierte er unter großer Beteiligung einheimischer und auswärtiger Freunde sein 25 jähriges Amtsjubiläum; er wirkte als Rabbiner bis zu seinem Tode, der 1889 erfolgte. (Kayserling: Bibliothek jüdischer Kanzelredner und Jewish Encyclopoedia.) Formstecher ist eine jener charakteristischen Persönlichkeiten, mit denen der jüdische Liberalismus die jüdische Geschichte bereichert hat. Er geht in allen seinen Leistungen, ob es eine Predigt, ein Aufsatz in der von ihm ins Leben gerufenen Zeitschrift ist, ob es ein Lehrbuch für den Schulgebrauch oder ein auf weitere Kreise berechnetes philosophisches Buch ist, einem Ziel nach: das zeitlose Judentum zu zeigen, das Judentum, das mit keiner Kultur in Widerspruch geraten kann, das also auch von den Voraussetzungen der Kultur aus, die die Zeit Formstechers anerkannte, begriffen werden kann. Formstechers Universitätsjahre fallen um das Jahr 1830, die aus den idealistischen Systemen der nachkantischen Philosophie ihr Gepräge erhielt. Das religionsphilosophische Werk Formstechers: ,,Die Religion des Geistes, eine wissenschaftliche Darstellung des Judentums י nach seinem Charakter, Entwicklungsgänge und Berufe in der Menschheit'/ trägt den echten Stempel dieser philosophisch so produktiven Zeit. Das Werk ist eine Auseinandersetzung der jüdischen Religiosität mit der zeitgenössischen Philosophie, in der die pantheistischen Systeme der romantischen Philosophie zur Herrschaft gelangt waren. Gewiß ׳'spricht Formstecher vom Pantheismus schlechthin; er nennt ihn als den Gegenpol zum ethischen Monotheismus Heidentum und argumentiert gegen ihn ohne besondere Hervorhebung eines bestimmten geschichtlichen Systems, auch die pantheistischen^Systeme der Antike berücksichtigt er;