Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Schriften zur Bibelwissenschaft [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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85 Versen frei überträgt. Die Undurchsichtigkeit des gottgewollten Weltenlaufes schlägt hier die Neigung zur Deutung und Nutzbarmachung des großen Geschehens aus dem Geiste des kleinen Menschenkindes heraus nieder. Das ist freilich erst sozusagen Heroismus wider Willen, der seine Ueberhöhung durch das große wohl schicksalhafte, aber gleich frei gewollte Erleben von Männern wie Hosea, Jeremia, Deutero-Jesaiä erfährt. Schließlich fällt Gott selber unter die Betrachtung des Leides, indem seine mitleidig zu den Menschen sich hinüberneigende Liebe die Tiefe seines Geistes gerade an der Schwere des. menschlichen Schicksals offenbart. Das Bueh von Hans Du h m, ״D er Verkehr Gottes mi t den Menschen im Alten Testamen t,“ Mohr, Tühingen 1926, will schon durch seinen Titel die Absicht des Eindringens in den Kern der Religion, der ״Verkehr zwischen Göttern und Menschen“ sei, ausdrücken. Würde dieses Programm erfüllt, so ergäbe sich vor allem eine Darlegung der subjektiven Seite des religiösen Geistes. Die Ausführung leidet aber darunter, daß sich doch die Ablösung von der üblichen alttestamentlichen Religionsgeschichte nur äußerlich vollzogen hat, so daß wohl da und dort, besonders in der ersten Hälfte des Buches, welche die vorprophetische Religion behandelt, sich das Ganze der religiösen Erscheinungen um die Kernprobleme gruppiert; da aber die äußerliche Gestaltung bald wieder den gewohnten breiten Raum empfängt, wird das, was wir eigentlich erwarten sollten, in den Hintergrund gedrängt. Betrachten wir z. B. das Kapitel über den Verkehr Gottes mit den Propheten (S. 95 f.)! Der Verfasser gibt dort eine gute Beschreibung dessen, was die Offenbarungsträger selber mehr oder weniger deutlich kündgeben. Aber das ist schon oft geschehen. Was uns fehlt, ist eine eingehende psychologische Zergliederung der Vorgänge selbst. Was bedeuten die Gefühle des Zwanges, unter denen die meisten Propheten, die uns etwas über ihre Berufung erzählt haben, stehen? Welche Analoga aus einer andersgearteten religiösen und der außerreligiösen Welt sind zum Vergleich und zur Verdeutlichung heranzuziehen? Die vagen Allgemeinheiten von der mehr realistischen Art des Semiten und der gemütswarmen und phantasievölleren des Indogermanen bringen uns in der Erkenntnis und Würdigung ganz konkreter Vorgänge um keinen Schritt weiter. Wie steht‘es mit den Bildern, welche die Visionäre schauen? Bedeuten sie ihnen ein reales Sein" oder was sonst? Was ist und in welcher Wirklichkeitsebene steht das Objekt des inneren Auges? Was bedeutet der König, den Jesaia schaut? Wie reimt sich die Sichtbarwerdung einer höheren, einer übersinnlichen Welt, wie der Gedanke, daß Gott von Angesicht zu Angesicht den Mose erkannt, mit dem Bewußtsein des unendlichen Abstandes, der das Menschliche vom Göttlichen trennt, zusammen? Was bedeutet das Wunder in der israelitischen Religion, was unterscheidet es von Magie in den Augen derer, denen Gott längst zum Einzigen geworden ist? Wie erklärt sich der Uebergang vom ״echten“ Gotteswort in den Ohren des klassischen prophetischen Geistes * zu dem Floskel gewordenen ״So spricht Jhv“ der Epigonen? Wie verhalten sich die ״echten“ zu den Lügenpropheten? —׳Duhm behaup'tet (S. 143), daß es die Absicht des Deutronomikers gewesen