Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Schriften zur Bibelwissenschaft [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829943-2829946-2833786--47408-2833834- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ein Aus wählender ist nicht bloß verantwortlich für das, was er gibt, sondern ebenso für das, was er nicht gibt. Wenn Proben von Büchern wie Zephanja und Nahum vorgelegt werden, dann hätte auch das vierzehn Kapitel starke Buch Secharja nicht leer auszugehen brauchen, und der letzte Teil der Jesaia-Schrift (Kap. 56—66) wäre zur Charakterisierung der biblischen Spätzeit gewiß nicht.unbrauchbar gewesen. Wird man sich darüber klar, daß eine solche Auslese aus der heiligen Schrift die eigene, bisweilen sehr persönliche, nicht wissenschaftliche, aber religiöse Ansicht den Lesern aufzwingt? Das reichhaltige Literaturverzeichnis, das der Schrift beigefügt ist, kann diesen Schaden nicht ohne weiteres gut machen. Die Abhandlung von Lorenz Dürr, Wollen und Wirken der alttestamentlichen Propheten (Düsseldorf 1926, L. Schwann) will in systematischer Darstellung noch einmal ״die einzigartigen religiösen Werte des Alten Testamentes herausarbeiten und zeigen, wie auch heute noch diese Quellen der Menschheit Nahrung und Kraft, Erhebung und Erfrischung bieten können/' Der Verfasser sucht die prophetischen Persönlichkeiten in ihrem individuellen Wesen zu erfassen und mag, wenn er auch keine neuen Seiten aufzeigt, durch eine oft eindringliche kräftige Sprache dem praktischen Ziele, das er sich gesteckt hat, nahekommen. In einem Punkte sollte seine Darstellung zur Nachprüfung nun schon lang ererbter Ansichten führen. Er macht darauf aufmerksam, daß eine Fülle biblischer Stellen (vgl. S. 28) ebenso wie keilinschriftliehe Mitteilungen die bisherige Meinung von einer in sozialer wie wirtschaftlicher Beziehung günstigen Lage der nach Babylon exilierten Juden widerlegen. Für den Verfasser besteht keine besondere Veranlassung, diesen Dingen weiter nachzugehen. Aber würden die Quellen reichlich genug fließen, um uns einen tieferen Einblick in die äußere Situation der Verbannten zu gewähren, dann könnten möglicherweise von hier aus die Lebensumstände des Deutero- Jesaia •und des Dichters der Gottesknechtlieder eine bedeutungsvolle Aufhellung erfahren. Das Bestreben, die jeweilige Situation möglichst lebensvoll und konkret zu schildern, verleitet den Verfässer gelegentlich dazu, Ereignisse auf bestimmte Zeiten, ja Tage festzulegen, die der Text nicht erschließen läßt. Muß jene berühmte Tempelrede des Arnos zu Bethel gerade ״am Herbstfeste ungefähr des Jahres 750" gehalten worden sein? (S. 37). Und was rechtfertigt die Ansetzung von Jer 7!—14 auf den Neujahrstag 608, ״als man den Krönungstag des neuen Königs beging"? Der gleiche Verfasser untersucht in einer Meinen bei Aschendörff in Münster 1926 erschienenen Schrift ״die Wertung des Lebens im Alten Testament und im antiken Orient." Untertitel: ein Beitrag zur Erklärung des Segens des vierten Gebotes (kath. Zählung). Die Beibringung stofflicher Pa־ rallelen aus dem akkadisch-babylonisch-assyrischen Kreise wie aus dem ägyptischen bestätigt auch für dieses Einzelproblem der alttestamentlichen Geisteskultur die Wirksamkeit einer einheitlichen übergreifenden altorientalischen Gesittung. Gewiß scheint z. B., daß zwischen der im Aegyptischen angenommenen idealen Vollzahl der Lebensjahre, nämlich hundertzehn, und biblischen Vorstellungen