Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Neuere Literatur zur jüdischen Sagenkunde
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 480 (sequence 5)
- Language
- German
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480• 1. Osnath war gar nicht das Kind Potiphars, sondern Dinas Tochter, die durch ein Wunder (von einem Adler entrissen) zum kinderlosen. Potiphar. gebracht und von diesem an Kindes statt auf״ erzogen wurde. 2. Osnath ist es, die die Unschuld Josephs entdeckt; ihr verdankt er sein Leben. 3. Osnath. ist durch ihre Frömmigkeit würdig, Josephs Frau zu werden: sie vernichtet die Götzen. Die eine Gestalt der Sage erzählt: Simon und Levi drohen ihrer Schwester Dina, daß, wenn sie. von Sichern ein Kind hätte, sie es töten wollen. Dina flüchtet in die Wildnis, gibt dort einer Tochter das Leben. Das neugeborene Kind wird von einem Adler nach Aegypten geführt und auf dem Altar von 011 niedergesetzt. Potiphar, der Hohepriester von On, erzieht das Mädchen an Kindes statt. Sie wird viel umworben, doch keinem Bewerber ist sie hold. Pharao erhebt Joseph und gibt ihm Osnath zur Frau. Als Jakob mit den Seinen nach Aegypten kommt, schlägt Dinas Herz ihrer Tochter entgegen. Sie erkennen einander wieder. (Anagnorisis.) Noch eingehender wird ein Apokryphon besprochen, das griechisch, syrisch, altslawisch und armenisch vorliegt. In Aegypten lebt Potiphar, Priester des Gottes On, in der Stadt der Sonne. Seine Tochter Osnath vereinigt die Vorzüge Sarahs, Rebbekas, Rachels. Potiphar baut ihr einen eigenen Palast, wo sie von sieben Mägden bedient wird. Viel umworben weist sie alle Bewerber zurück. Pharaos Sohn will sie rauben, wird aber von Dinas Brüdern getötet, sein Heer vernichtet. Osnath betet aber noch die Götter Aegyptens an. Da erscheint Joseph, von der Gnade Pharaos emporgetragen. Die Mädchen und Frauen Aegyptens überhäufen ihn mit Geschmeide. Er weist alles und alle zurück. Auch Osnath wird von der Liebe zu Joseph erfaßt. Aber sie wird durch die Liebe geläutert: sie bekehrt sich. Joseph wird König von Aegypten, Osnath wird seine Gemahlin. Mit bewundernswerter Gelehrsamkeit weist Apt. die jüdischen Bestandteile, also den wahrscheinlich jüdischen Ursprung der Sage nach. Die Berührungen mit der biblischen Erzählung von Esther und Daniel könnten auch christlichen Ursprung zulassen1. Doch auf Schritt und Tritt macht sich der Einfluß der Aggada merklich. Der Engel Michael erscheint Osnath in der Form Josephs. Da bietet sich Apt. Anlaß, einen merkwürdigen Sagentypus erschöpfend zu behandeln: wie der Hohepriester Jadduä Alexander dem Großen erscheint, wie R. Jona und R. Jose den sieghaften Ursicinius be״ grüßen, wie Elijahu den Rabbi Jehuda Hannassi in der Gestalt R. Chijjas aufsucht. Es scheint zweifellos, Apt. hat den jüdischen Ursprung des Asenath-Apokryphons nachgewiesen. Doch dies genügt ihm nicht. Da christlicherseits der Versuch wiederholt wurde, das Apokryphon sinnbildlich, Joseph als Jesus zu deuten, unternimmt Apt. eine jüdische Versinnbildlichung: da wird Potiphar zum Vertreter der Halbbekehrten, der 'יראי ה, Asenath zur Verkörperung der voll- 1 Daß Joseph als Dritter im Königreiche gilt (S. 261, Anm. 58), dürfte auch auf Daniel zurückzuführen sein.