Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Unveröffentlichte Aktenstücke zur Judenfrage auf dem Wiener Kongreß (1814-15)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
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466 sollen, so wird es ihm dennoch Gnädigst verstattet seyn von einem höheren Gesichtspunkte auszugehn, und nach dem Geiste der Zeit, auf das Bedürfnis^ der Zeit hinzudeuten: dass für die Verbesserung des bürgerlichen Zustandes der Israeliten in Deutschland, auf einem im Allgemeinen, gleichförmigem Wege gewirkt werde. Mit mehrerer Zuversicht darf dieser auf das Interesse der Menschheit, auf Deutschlands Wohl, und das Heil mehrerer Hunderttausende unterdrükter Menschen berechnete Schritt gewagt werden, nachdem der Grossmächtigsten Könige von Preussen und Bayern Majestäten, des Durchlauchtigsten Grossherzogs von Baden Königliche Hoheit, und des Souverainen Herzogs von Meklenburg Schwerin Durchlaucht in den sub No. 1 bis 4 inclusive Unterthänigst angefügten Edicten, Ihre erhabenen Ansichten über diesen Gegenstand bereits ausgesprochen, und einen auch in der Constitution der Vereinigten Niederlande, gemäss Aul. No. 51 anerkannten Satz geheiligt haben, we eher im neunzehnten Jahrhunderte keiner schirmenden Deduction bedürfen kann, den: dass die verschiedenen Systeme nach welchen die Gottheit von den Erdenbewohnern verehrt wird, an sich betrachtet keinen Grund enthalten, die Mitglieder dieses oder jenes Religionstheils der Rechte zu berauben, auf welche sie sonst nach der ihnen anldebenden bürgerlichen Eigenschaff, Anspruch machen können. Wenn die Thatsache fest steht, dass durch ganz Deutschland wo nur das Volk zu den Waffen griff, und um den Banner des Vaterlands sich sammelte, auch die Jüdischen Glaubensgenossen gleich den übrigen Staatsbürgern, unter die Schaaren der freiwilligen Streiter eilten, kämpften, und duldeten und keine Anstrengung scheuten, wo es das Wohl der allgemeinen deutschen Sache galt2, so müsste es der Menschlichkeit wie der Gerechtigkeit fremd scheinen, wenn man annehmen wollte und könnte, dass es nur so lange ein Vaterland für sie gegeben haben solle, als dieses Vaterland Opfer begehrte, dass ihrer Anstrengungen Ziel im eigentlichen Verstände nur das geworden seyn solle: ein Joch der Unterdrückung und Abhängigkeit zu erkämpfen, welches selbst da wo der Französische Adler sich aufgepflanzt hatte von ihrem Nacken genommen war, und dass unter den Millionen geretteter, glücklicher Menschen, neben den Jubelhymnen dieser, nur ihre Seufzer gehört werden sollten. Der Unterzeichnete glaubt sich überzeugen zu dürfen, dass von der Gegenwärtigen, für die heiligste Angelegenheit gewagten Vorstellung eine jede allgemeine Apologie der Menschen r e e h*fc e entfernt bleiben dürfe, weil es keines Rednerischen Schmukes bedürfen kann, um den zweifellosesten Wahrheiten welche so tief empfunden, und durch alle Proclamationen der erhabenen verbündeten Mächte so bündig geschüzt worden, Eingang zu verschaffen. Er glaubt nicht darstellen zu dürfen Vvas durch sich selbst sieb ausspricht, als Ursache und Wirkung sich erklärt: dass wenn die Eigentümlichkeiten der Israeliten hin und wieder eine weniger günstige Richtung nahmen, dies die Folge des lastenden Druckes unter welchem gebeugt sie schmachteten, und durch die politische Verfassung in welcher sie lebten bewirkt war. Denn nur zu wahr ist es, dass ihr Schiksal in der Geschichte der Menschheit ein trauriges Blatt füllt, unvermeidlich hemmt Druck jede Kraft, die Geschichte bestätigt das Urtheil der uneingenommenen Vernunft dass die Juden in dem Staate welchen sie bewohnen gleich andern Religionsverwandten treue, nüzliehe und fähige Bürger sind, so lange kein Stiefmütterlicher Hass sie verfolgt, und es ist längst anerkannt, dass jene übereinstimmenden Eigenheiten der Denkart, der Gesinnungen, der Leidenschaften die man bey dem grösseren Theile der einzelnen Glieder einer Nation findet, und die man ihren bestimmten Charakter nennt, nicht unterscheidende und unabänderliche Modification[en] der Menschlichen Natur, sondern zum grössten Theil und vornemlich der Politischen Verfassung in welcher sie sich befindet sind. : 1 All die hier und später genannten Edikte sind in seiner angeführten Schrift im Wortlaut abgedruckt. 2 Vgl. hiezu insbes. M. Philippson, Ueber die Beteiligung der jüd. Freiwilligen an dem Befreiungskriege 1813/14, MGWJ 50 (1906), sowie M. Grünwald, Oesterreichs Juden in den Befreiungskriegen (Leipzig 1908).