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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 6 · p. Seite 465

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 6
Article
Unveröffentlichte Aktenstücke zur Judenfrage auf dem Wiener Kongreß (1814-15)
Date
1926-01-01
Page
Seite 465 (sequence 9)
Language
German
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465 Ohnerachtet namentlich in den Hanseestädten keine begüterte Jüdische Familie existirte, welche nicht einen oder mehrere Söhne in den heiligen Streit ziehn sah, ohnerachtet schon in den ersten Augenblikken des Erwachens Hanseatischen Gemeinrechts, von Israelitischen Einwohnern die denkwürdigsten Opfer zu dessen Beförderung gebracht waren, ohnerachtet während einer dreijährigen Gleichstellung mit andern Bürgern, nur die erfreulichsten Folgen, nach dem eignen Zeugniss des Hamburgischen Senates1 sich bewährt hatten, soll dennoch dort die Macht eines blinden Vorurtheiles siegen! Verschlossen wieder sollen die^Wege des Erwerbes ihnen seyn. Auf den Handel allein, und auch hier nur mit Restrictionen sollen sie beschränkt werden. Kein Grund Eigenthum dürfen sie besitzen. Keine Zunft nimmt den beschnittnen Lehrling auf. So gross ist der Druk welchen sie empfinden, dass man in Lübek und Bremen ausserhalb der Thore sie verbannen will, weil es also in der düstersten Vorzeit geordnet war! Die Gebete dieser beklagenswehrten Menschen dringen zum Himmel, dass. Er die Herzen Der Erhabenen Monarchen Geneigt für sie stimme, Deren Hohen Verfügungen auch jene Städte folgen würden. Als Abgeordneter der Israelitischen Gemeinden derselben, wagt der Unterzeichnete bey Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht um eine Aller. Huldreichste Intercession von Seiten J^reussens bey den Hanseestädten, für eine liberalere, auch dem Interesse Dieser erhabenen Macht entsprechende Behandlung dieser Religionsverwandten zu flehen! Keine Gränzen werden die ehrfurchtsvoll dankbaren Gesinnungen, dieser dann zum bürgerlichen Dasein wieder erwachenden Tausende von Menschen kennen, welche das abermals auf ihnen gelegte Joch nur schmerzlicher fühlen, je länger es. ihrem Nakken bereits entnommen war, und bis an. den letzten Hauch ihres Lebens wird eine ganze Generation Ihren und ihrer Nachkommen Ersten Wohlthäter Seegnen! Der Unterzeichnete hat die Ehre sich mit dem tiefsten Respect zu bekennen Durchlauchtigster Fürst Gnädigster Fürst und Herr, Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht untertänigster Wien den 9. December 1814. Carl August Buchholz Dr.2 * * * VII][. In einem ewig denkwürdigen Zeitpunkte wie dem gegenwärtigen, welcher an die grössten Weltereigni&se sich anschliesst, und am Himmel der Geschichte erhaben da stehn wird, scheint die Hoffnung nicht voreilig, dass unter den Grundartikeln des allgemeinen Nationalglüks, auch eine Annäherung zur Kirchlichen Einheit ihre Stelle finden wird, und es scheinen namentlich die Jüdischen Glaubensgenossen der verschiedenen Staaten Deutschlands, in welchen die Rechte der Bürger und zum Theil die Rechte der Menschen noch ihnen versagt sind, mit lebendiger Zuversicht zu der Erwartung berechtigt zu seyn, dass man ihre Fesseln lösen, und einen Zustand für immer beenden werde, welcher da wo er noch sich antrifft, aus einer anders gestalteten Vorzeit sich ableitet. Wenn zwar der Unterzeichnete in Gemäsheit der von ihm Unterthänigst niedergelegten Vollmachten nur in so weit berechtigt ist als Sprecher dieser für Zeit und Nachwelt heiligen Angelegenheit aufzutreten als sie die Verhältnisse der Israelitischen Einwohner in den freyen Hanseestädten ergreift, welche in einen Zustand der Unterjochung, Gewerbsbeschränkung, und Mangel bürgerlicher Rechte dem bereits sie entnommen waren, zurückgeführt werden 1 In seinem oben (Beil. VI Anm. 6) angeführten Emanzipationsentwurfe* 2 Der 1785 geborene Lübecker Rechtsanwalt hatte schon vorher die Juden seiner Stadt mit Rat und Tat unterstützt (so hat er z. B. ihre Eingabe an den Lübecker Senat vom 26. März 1814 verfaßt, vgl. die gedruckte ״El*- klärung der freien Stadt Lübeck‘6 an die deutsche Bundesversammlung vom 9. Mai 1821 S. 9 Anm. 12. Vgl. auch S. Carlebach, Gesch. d. Juden in Lübeck S-63 f. Anm. 1) und ist nachher (auch durch seine Schrift: Actenstükke die Verbesserung des bürgerlichen Zustandes der Isr. betreffend, Stuttgart und Tübingen 1815) zu ihrem eifrigsten und beredtesten Vertreter auf dem Wiener, Kongreß geworden. Monatsschrift, 70. Jahrgang. 30

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