Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 456 (sequence 17)
- Language
- German
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״Wirkungen. Dazu kamen aber diese Einflüsse und die eigentümliche Lage, in die sie das jüdische Dogma gebracht haben. Mehr und mehr eroberten sich die Ideen jüdischer Weltanschauung die Kulturwelt•, insbesondere jene, die das Christentum von ihm ohne Einschränkung übernommen hatte. Je mehr sie aber Grundlagen der Gesellschäft wurden, um so weniger trat ein Gegensatz zwischen jüdischem und -weltlichem Denken zu Tage und um so weniger ergab sich die Veranlassung zu Erörterungen. Dogmengeschichte ist aber stets das Ergebnis des Widerspruches; sie entwickelt sich dort, wo das Dogma ihm entgegenstehende Hindernisse im Fühlen und Denken überwinden muß. Es ist die Größe der jüdischen Offenbarung, daß sie nicht nur im eigenen Kreise wahrhafter Untergrund allen kulturellen Lebens geworden ist, sondern daß sie darüber hinaus so sehr Kultur geschaffen hat, daß man den Ursprung des geistlichen und sittlichen Lebens der Gegenwart vergessen hat, daß man dieses dann als Maßstab annimmt und an ihm den Wert des Judentums mißt. Wenn so die Konflikte nicht zahlreich sind, so ist das nicht verwunderlich, und sie erstrecken sich logischerweise nur auf solche Gebiete, wie das der Gesetzlichkeit, in dem das Judentum mit seinen Lehren noch nicht durchdrungen ist. Wenn Cohen von einer Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums spricht, so kann das Wort, wenn er auch — worauf schon; früher hingewiesen worden ist — selber• etwas anderes darunter versteht, eine wundervolle Charakterisierung des Tatsächlichen geben. Die Religion der Vern un ft, wie sie das Sy stem der Kultur von he ute darzustellen vermeint, stammt aus den dogmatischen Quellen des Judentums, hat aber derartig von der Menschenseele und ihrem Tun Besitz ergriffen, daß sie eben als das Vernünftige erscheint. Tiefe Wahrheit mag in diesem Sinne in Cohens Satz liegen: ,,Die Offenbarung ist die Schöpfung der Vernunft". Das Judentum, daß sei zum Schlüsse in zusammenfassender Prägnanz gesagt, ist also dogmatische Religion! Jüdisches Dogma ist nicht Dogma im Sinne der' christlichen Kirchen. Es ist nicht gemeinschaftsbildend, es besitzt keinen feststehenden Wortlaut, es ist nicht rein historisch, es ist nicht Kriterium der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, und keine Behörde ist vorhanden, die das Dogma feststellt, die die Rechtsgläubigkeit prüft. Aber doch ist es Grundlage und steter Lebensquell des Judentums, seine Wurzel (ikkar), die vom göttlichen Willen her in das Zeitliche hineinreicht, seine Seele, ohne die es zerfällt. Das jüdische Dogma ist ein System, das ein- : heitlich alle Lebensbeziehungen erklärt und regelt: Es umfaßt das Wesen des Gottes Israels, das Wesen des jüdischen Menschen, das Wesen jüdischer Gemeinschaft, die Form jüdischen Lebens, sowie die Stellung des Judentums und seiner Träger in der Menschheit. Die Göttlichkeit der Thora, die alles dieses enthält, ist das eigentliche jüdische Dogma! Damit wird die jüdische Dogmatik im letzten Grunde eine Dar- Stellung des Glaubens- und Lebenssystems der Thora! Und was vom jüdischen Gesetz gilt, gewinnt auch für das Dogma Bedeutung.