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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 6 · p. Seite 455

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 6
Article
Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
Date
1926-01-01
Page
Seite 455 (sequence 16)
Language
German
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455 wird ihr nicht gerecht. Denn sie enthält in sich auch ein Irrationales. Sie ist der tiefe Glaube an die Sonde r h e i t Israels! Sie ist an sich dem Nationalbewußtsein anderer Völker durchaus zu ver,- gleichen, und doch ist sie wieder anders, denn sie ist nicht der Stolz auf ein Sein, sondern auf ein Sollen und die Kraft zu werden. Sie ist unzertrennbar verknüpft mit der sittlichen Aufgäbe der Verwirklichung und doch nicht mit ihr identisch. Sie ist nicht rationalistisch und nicht empirisch zu erweisen, sondern sie ist tiefster Glaube an das eigene Selbst! Sie ist ein integrierender Bestandteil der Offenbarung und ein Dogma! Eine der wichtigsten Aufgaben-der modernen Religionsbetrachtung im Judentum muß darin bestehen, einerseits die letzten Rücksichten auf jede Apologetik aus der Darstellung der Glaubens- und Sittenlehre zu tilgen, andererseits aber sie auch freizumachen von allen Einflüssen des Christentums. Gewiß ist die Lehre vom Dogma kein so prägnantes Beispiel wie die vom Gesetz, wo die freiwillige oder unfreiwillige Anerkenntnis des christlichen antinomistischen Standpunkt als des wahren Maßstabs der Sittlichkeit dazu geführt hat, •daß man in jüdischen Kreisen oft, anstatt das Gesetz mit aller Kraft als die höchste Ausprägung des sittlichen Verwirkliehungswillens für einen grundlegenden Wert zu erklären und demgemäß zu würdigen, es schwächlich verteidigt und fast entschuldigt, es als sittlich noch erträglich darstellt. Aber auch hier ist es notwendig, einerseits die christlichen Anschauungen von der Form des Dogmas ebenso wie jene apologetischen Interessen radikal zu überwinden, die immer wieder im Denken der Gegenwart und der Herrschaft des Rationalen ein Normativ auch für den Ideenwert der Religion aufstellen und demnach alles Dogmatische auf eine vernunftgemäße Grundlage zurückzuführen ,versuchen. Besonders ist dabei zu beachten, daß das Judentum im Gegensatze zum Christentum — abgesehen von den früher bemerkten Tatsachen — eine eigentliche Dogmengeschichte nicht hat. Das ergibt sich aus einem formellen und aus einem sachlichen Grunde. Die Dogmengeschichte des Christentums ist nur darum so umfangreich geworden, weil einerseits das historische Erlebnis des Stifters auch da dogmatisch geworden war, wo es keineswegs Grundlage einer besonderen sittlichen Offenbarung wurde; andererseits aber brachte der Umstand, daß das Dogma auch bestimmten Wortlaut hatte, über den es eine verschiedene Ueberlieferung geben konnte, Streit in Fülle. Differenzen, wie jene über die Abendmahlsformel, über die Auslegung, ob die Oblate der Leib Christi sei oder ihn nur symbolisiere, um die populärste aller Fragen .herauszugreifen, mögen wohl auch die Entscheidung über ein Prinzip in sich bergen. Aber in der Hauptsache sind sie rein formal, erwachsen aus der Fassung, . der Form, die fest und starr, die im christlichen Sinne dogmatisch wurde. Sachlich wirkte auf die Entstehung einer eigentlichen Dogmengeschichte hindernd ein, daß das historische Dogma ja immer nur Grundlage einer sittlichen Aufgabe war. Seine Einzelheiten ver- . blaßten gegenüber der Wichtigkeit und der Ausdehnung seiner Aus-

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