Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 454 (sequence 15)
- Language
- German
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454 sich lediglich um eine Glaubensentscheidung, um ein Anerkennen eines Dogmas, ob man sich nun zur jüdischen oder zur Nietzscheschen Moral bekennt. Wer ersteres tut, glaubt, daß das Gute, wie es das Judentum formuliert, Gottes Wille sei, und wenn man gewiß auf das Bekenntnis zur Moral Nietzsches diese Worte kaum ״anwenden kann, so paßt doch der Sinn ganz bestimmt. Nicht nur diese mehr formale Seite des Ursprungs der Moral ist dogmatisch, sondern auch ihr Inhalt. Die Glaubensentscheidung, von der soeben die Rede war, wählt in der Sache zwischen dem Be~ kenntnis zum Willen zur Macht und dem Bekenntnis zur Gemeinschaft! Do gmatisch ist auch die soziale jüdische Gemeinschaft, die Lehre, daß alle Menschen gleich seien! Auch auf das Gebiet der politischen Ent- Scheidung greift damit das Dogma hinüber. Die großen politischen Systeme lassen sich weder historisch, noch soziologisch und schon lange nicht logisch begründen, und das Bekenntnis zu ihnen ist gleichfalls Sache des Glaubens. Das Judentum ist der Quell des sozialen Gedankens, der in der unendlichen Fülle seiner Verzweigungen sich oft vom religiösen Boden ganz entfernt hat, und der dann manche wissenschaftliche Begründung gefunden hat. Man darf aber nicht vergessen, daß der moderne Sozialismus sehr jung ist; das Bekenntnis des Staates zum sozialen Ausbau aller Gemeinschaftsinstitutionen, die Durchdringung des Staatsgesetzes mit sozialem Geiste, ist in offenbarer Abkehr von der Lehre des die Kultur bestimmenden Christentums erfolgt. Während der langen Zeit des Mittelalters war aber einzig und allein das Judentum der theoretische Künder sozialer Lehre, und nur die Judenheit suchte sie praktisch zu verwirklichen. Die Zähigkeit und Freudigkeit, mit der das geschah, ist gewiß kein zwingender Hinweis auf den dogmatischen Ursprung. Wohl aber sind sie lehrreich, weil der dogmatische Charakter dieser jüdischen Weltänschauungsgrundlage mit dem Hinweis darauf bestritten wird, daß es sich lediglich um jene Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens handele, die sich mit zwingender Notwendigkeit auf empirischer Grundlage heranbilden mußten. Demgegenüber ist zu betonen, daß das J udentum theoretisch und praktisch än der sozialen Lehre auch zu einer Zeit festhielt, als die vom Christentum beeinflußte Kultur vom lebenswirksamen Sozialismus nichts wußte. Auch das Verhältnis Israels zur Welt ist dogmatisch geregelt. Die Anschauung der Thora, die dann Leitmotiv der jüdischen Geschichte geworden ist, besagt, daß Israelein auserwähltes Volk sei. Die Auserwählung besteht darin, daß ihm die Thora offenbart worden ist, und daß es damit die Verpflichtung auf sich genommen hat, sie zu verwirklichen. Israel ist das heilige Volk. Heiligkeit und Auserwähltheit mögen w7ohl in der Hauptsache A u f gäbe sein, erschöpft wird ihr Wesen aber dadurch keineswegs. Die üblichen Ausdeutungen des Auserwählungsgedankens, die besonders betonen, daß er nicht' die Uebertragung größerer Rechte, sondern die Auferlegung größerer Pflichten bedeute, sind fraglos richtig, obwohl sie;mehr der Politik und der Apologetik dienen als daß sie; Unbeeinflußt das , Grundsätzliche wiedergeben. Aber die Auflösung der Auserwähltheit in eine bloße sittliche Willensrichtuhg