Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 453 (sequence 14)
- Language
- German
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453 wirkliche Dogmen sind, ergibt sich daraus, daß es ja auch Gemeinschäften, gibt, die das Gegenteile:•annehmen und zur Grundlage des Kulturlebens von Völkern machen. Der Buddhismus, der die Weltflucht predigt, ist pessimistisch, und der Islam ist, wenn auch einzelne Gelehrte die Willensfreiheit bejaht haben, im allgemeinen streng deterministisch. Da es oft verwandte Völker und sich nahestehende Menschen sind, die ganz entgegengesetzten Lebensprinzipien huldigen, kann solches kaum auf etwas anderes zurückgehen als auf religiöse Entscheidung. Ein weiteres Dogma, das ethische, kann im Wortlaut so formuliert werden, daß das Gute: Gottes Wille ist! Ethik ist gleichfalls eine philosophische Disziplin, und die Frage nach dem.Ursprünge und dem Prinzip des Guten unterliegt rationalistischer Betrachtung. Daß aber auf diesem Wege eine wirkliche Begründung dessen, ־was gut sei, unmöglich ist, erweist sich aus der eigentümlichen Tatsache, daß kein ethisches System auch nur den gerings ten .neuen ethischen Wert schafft! Sie alle— mögen sie auf metaphysischer Grundlage beruhen, mögen sie naturalistisch-utilaristiscli, mögen sie idealistisch-rationalistisch sein — setzen.die von der Religion gelehrte Ethik als s e 1 b s t v e r s t ä n d 1 i c h voraus, und all ihr Mühen geht nicht etwa dahin, auf Grund eines ihnen eigentümlichen Denkprinzips die Gesetze ethischen Handelns abzuleiten, sondern sie erklären feststehende und anerkannte, ethische Lehrsätze aus dem Wesen des angenommenen Prinzips. Es gibt kein ethisches System, das nicht diese absolute sachliche Abhängigkeit von der Religion aufwiese; es gibt aber. auch keins, das ein brauchbares Prinzip der Erklärung gebracht hätte! Die einzige wirkliche von der Religion unabhängige Ethik ist jene,, die die Fachphilosophie als solche nicht gelten lassen will, nämlich die .Lehre N i.e t z s ch e s , die nicht nur im ״Willen zur Macht“ ein wirkliches Prinzip aufstellt, sondern auch auf dieser Grundlage eine neue Moral und eine Umwertung aller von der Religion und der Philosophie. bis dahin gleichmäßig anerkannten Werte begründet. Es. ist müßig, an ihr dadurch Kritik zu üben, daß man ihr den Namen Ethik abspricht, weil sie die Moral in unserem Sinne durch einen Begriff ersetzt, den wir vom Standpunkt religiöser Ethik aus als Gewalt empfinden. Solche Kritik erfolgt nicht von hoher unparteiischer Warte aus, sondern von dem Boden jener sittlichen Anschauungen, die sie überwindet. Es kann aber keinem Zweifel unterliegen, daß — ebenso wie die ,Prinzipien des Pessimismus und des . Determinismus historische Verwirklichung in Gemeinschaften gefunden haben ־— es auch denkbar wäre, eine Gemeinschaft mit der Grundrichtung. des Willens zur Macht zu bilden. Und keine .wie immer geartete, logische ,Arbeit kann die ״Richtigkeit“ oder die ״Unrichtigkeit“ dieses Prinzips erweisen1. In Wahrheit handelt es 1 Wenn man einwendet, daß im praktischen Leben die Lehre Nietzsches keine Verwirklichung findet, daß insbesondere er selber in den Jahren seiner Krankheit auch von seinen eifrigsten Schülern im Sinne der von ihm und ihnen für überwunden erklärten sozialen Moral des Mitleids behandelt worden ist, so besagt das nur, daß die Verwirklichung eines Neuen unendlich schwer ist, es bedeutet aber kein Argument gegen das Prinzip an sich.