Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 452 (sequence 13)
- Language
- German
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452 gar nicht ausgebildet'- sei, daß der absolut soziale Charakter־ des ältesten Judentums keinen Räum gelassen habe für ein individuelles Fortleben des Menschen. Wenn man den prägnanten: Satz sucht; wie ihii die jüngsten Bücher der heiligen Schrift bringen, so mag das richtig׳ sein. So klar, wie das Buch Koheleth, wo es (127) ja geradezu heißt, daß die Seele zu Gott zurückkehre, spricht sich die Thora nicht aus. Aber ihr Geist setzt die Ewigkeit der Menschen und die Göttlichkeit seiner Seele voraus. Wenn bereits die Schöpfungs1 geschickte davon spricht, daß der Mensch im Ebenbilde Gottes geschaffen sei, so ist das ein deutlicher Hinweis auf die Ewigkeit aer Seele. Und auch aus den bekannten Ausdrücken, daß Gott den Gestorbenen zu sich nimmt (Gen 5^), daß einer zu seinem Volke versammelt wird (Num 2024 u. ö.) geht hervor, daß die Volksanschäuung ein solches Leben voraussetzte. Daß aber das spätere biblische Schrifttum diesem Glauben auch des öfteren einen deutlichen Ausdruck in verschiedenen Gestaltungen gibt, wäre picht möglich; wenn es nicht an altes Gut hätte anknüpfen können. Die Ewigkeit der Seele ist eine dogmatische Anschauung. Aus ihr ergeben sich wichtige Lehren, die aber eine logische Zurückführung auf das Grundprinzip zulassen; Die Reinheit der Seele, die insbesondere wegen der christlichen. Lehre von der Erbsünde stark betont wird, ist eiiie selbstverständliche Folgerung aus der göttlichen Ewigkeit. Dasselbe gilt von der selbständigen Existenz der Seele, von ihrer Vorzugsstellung dem Körper gegenüber, dessen bloße Funktion sie keineswegs ist. Auch die idealistisch-spiritualistische Grundrichtung des Judentums ist — wenn auch nur mittelbar — dogmatisch. Jüdisches Dogma ist auch die Lehre von der Freiheit׳d־es Willens! Ohne jeden Zweifel geht die Auffassung der Thora dahin, daß der Mensch die. Möglichkeit habe, aus reiner Selbst7 bestimmung seinen Willen zu formen, seine Entschlüsse'zu fassen. Und dieser Indeterminismus ist in der Lehre nirgends eingeschränkt. Auch hier gilt für die wissenschaftliche Behandlung der Frage, was bereits früher vom Optimismus gesagt worden ist. Die Willensfreiheit ist kein psychologisches Problem, sondern eine Glaubensentscheidüng. Fraglos hat die Fülle von Thesen und Gedanken, die die jahrhunderte- ־länge wissenschaftliche Behandlung des Gegenstandes gezeitigt hat, ihre große Bedeutung, aber eine Lösung des Problems bedeuten sie nicht. Lehrreich ist nach dieser Richtung jener psycho logische Determinismus , der heute sich eines solchen Ansehens erfreut. Wenn er,'um aus den durch das kausale Geschehen bedingten Schwierigkeiten bei der Annahme einer Willensfreiheit herauszukommen, neben der erforschbaren Kausalität der Außenwelt eine innere seelische Kausalität annimmt, für die aber das Gesetz der Aequivalenz von Ursache und ׳Wirk u n g noch nicht .aufgestellt *werden1 kann, so bedeutet 'das, um die Sprache der Wissenschaft iri die schlichten Worte der Religion zu übersetzen, daß Willensfreiheit lediglich eine Entscheidung des Glaubens ist; denn die Annahme der inneren Kausalität bedeutet an sich nichts 'wie den Äusdruök für das nicht Beweisbare, das zu Glaubende. Daß Optimismus wie Willensfreiheit