Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 451 (sequence 12)
- Language
- German
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451 es •unmöglich, eine dogmatische Attributenlehre aufzustellen. Denn die Betonung einer besonderen ,Eigenschaft im Wesen Gottes wird gewöhnlich von Zeiteinflüssen und von individuellen Sorgen und Wünschen abhängig sein. Sobald aber auf bestimmte Attribute ein größerer Wert gelegt wird als auf die übrigen, ist das Bild verschoben, und es ist nicht mehr das einheitliche Ganze Gottes, das als Dogma gilt. Es zeigt sich, daß der dogmatische Charakter Gottes als einer nicht zu zerlegenden Einheit einen Widerspruch zu der dogmatischen Formulierung der einzelnen Attribute bedeutet. Und die Tatsache, daß den Dogmen des Judentums eine für alle Zeiten und Lebens״ bedingungen feststehende, gültige Form nicht eigen ist, erweist sich —־ auch im Anschluß an dieses Beispiel — als ein im Charakter des Judentums liegendes Grundprinzip. Auch die Auffassung vom Wesen der Welt ist dogmatiscli. Der Optimismus des Judentums ist lediglich Sache des Glaubens! Mehr noch als beim Wesen Gottes stört hier eine seltsame Erscheinung, die später am deutlichsten in der Frage der Willensfreiheit und der Grundlage der Ethik auftritt. Die Dogmen des Judentums sind nämlich auch zu Gegenständen wissenschaftlicher, philosophischer Betrachtung geworden. Der starke Einfluß, den die jüdische Glaubensanschauung, insbesondere dort, wo sie durch Vermittlung des Christentums wirkte, aui die allgemeine Kultur ausgeübt hat, führte dazu, daß sich die einzelnen Lehren von der Grundlage des Glaubens lösten, sobald sie selber Grundlage des Kulturlebens wurden. Es war das eigentümliche Schicksal insbesondere der Christliehen Religion, daß man über dem zu Spaltungen führenden dogmatischen Gezänk, das dann als das Wesentliche der Religion erschien, die Einflüsse auf die Weltanschauung vergaß. Die ins Kleinste gehende Konfessionalisierung des Lebens brachte es mit sich, daß man den religiösen Ursprung dessen, was gemeinsam war, übersah. Und solcher Anschauungen bemächtigte sich philosophisches Denken, um auf rationalistischem Wege ihren Ursprung und ihre Richtigkeit nachzuweisen. Freilich vergeblich! Es unterliegt die Frage, ob die Welt gut sei, keiner Möglichkeit wissenschaftlicher Betrachtung. Sie ist einfach Sache des Glaubens. Die Entscheidung im Sinne des Judentums ist ein Dogma, das freilich grundlegend für alle Kulturarbeit geworden ist und somit losgelöst von Konfessionen und ihrem Hader, wenn auch nicht losgelöst von Religion, denkbar ist. Gewiß beschäftigt sich die Religion nicht mit der Zuspitziing, die die Frage von Plato bis Leibniz annimmt, ob diese Welt die beste unter allen möglichen Welten sei. Die Religion vergleicht nicht, sondern sie nimmt die Welt als ein Gegebenes. Aber auch die Gestalt, die das Problem im Reiche des Denkens gewinnt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die letzte Entscheidung im Glauben liegt, und daß der Optimismus ein Dogma der jüdischen Religion ist und bleibt. Die Anschauungen über Wesen und Bestimmung des Menschen sind gleichfalls dogmatisch. Am ehesten leuchtet solches ein, wenn vom ewigen Leben die Rede ist, weil hier eine Parallele zum Wesen Gottes vorhanden ist. Es ist oft hervorgehoben worden, daß gerade dieses Dogma in der Thora nur mangelhaft oder 29*