Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 447 (sequence 8)
- Language
- German
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44? Wort. ,,Thora“ zu einem feststehenden terminns technicus für die in den fünf Büchern Mose gesammelten besonderen. Lehren wurde, wird auch naturgemäß der dogmatische Charakter der hervorragendsten Lehren und ihres geschichtlichen Bodens sich auf den gesamten gesetzlichen und geschichtlichen Inhalt des Pentateuchs ausgebreitet haben. Und das muß sehr früh geschehen sein. Denn die ganze Denkweise, die Art der Schlußfolgerung, die Mischna und Gemara aufweisen, sind ohne das Dogma von der Göttlichkeit der Thora völlig undenkbar. Ist doch ihre wichtigste Aufgabe lediglich der Nachweis, daß trotz des Neuen, das die Zeiten mit sich gebracht, haben, trotz des Veralteten, das abgeschafft worden ist, die Thora Gottes ihren ewigen, unveränderlichen, also ihren dogmatischen. Charakter bewahrt hat. So ist die Geschichte des jüdischen Dogmas überraschend kurz. Sie beginnt mit dem Glauben, daß die zehn Gebote vom Sinai Gottes Wort seien, sie schließt mit der Anerkennung der Göttlichkeit der Thora, und alles, was der Geschichte von den Wirkungen der . Thora auf jüdisches Volksleben und jüdische Gesinnung zu entnehmen ist, läßt schließen, daß die Göttlichkeit der Thora bereits zur Zeit Esras und Nehemias ein tief in das Volksbewußtsein eingedrungenes Dogma war, als die Gemeinde Israels sich auf sie verpflichtete und sie zu ihrer Verfassung machte. Die Bedeutung des Offenbarungsaktes am Sinai ist kLar. Hier rührt die Ewigkeit an die Zeit, und der Ursprung des Glaubens ebenso wie der des Sittengesetzes wird aus der Sphäre des Menschlichen und der irdischen Kausalität heräusgezogen. Beide sind nicht Maßstäben unterworfen, die insbesondere der menschliche Verstand aufrichtet.. Es ist ein Trugschluß schlimmster Art gewesen, wenn deistische ReligionsVorstellungen —- und als der Jude in die moderne Kulturwelt eintrat, sprach er oft und mit einem gewissen Behagen das Urteil nach — das Judentum rühmten, weil seine Glaubens- und Sittenlehren mit den von logisch denkenden Menschen konstruierten übereinstimmten; und daß man — wie der große Cohen es tat — eine Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums aufbaut,, geht darum nicht an, weil der Weg und die Zusammenhänge zwischen Vernunft und Offenbarung ganz andere waren. Die offenbarte Lehre des Judentums weist keinerlei Abhängigkeit von den Wegen des Denkens auf, aber sie hat — wovon noch die Rede sein wird — durch ihre zwingende Gewalt alle Gebiete des Kulturlebens und damit auch des Denkens derart beeinflußt, daß zu ihren irrationalen Fundamenten auch die Offenbarung des Judentums gehört. Besonders deutlich wird das in der Frage nach dem Ursprung unserer allgemeinen Ethik, die nach den Meinungen der Philosophen dem Boden der Offenbarung nicht entsprossen sein will. , Auch auf sie wird in anderem Zusammenhänge noch später eingegangen werden. Man darf nicht vergessen, daß der dogmatische Charakter der gesamten Thora auch im jüdischen ,Gottesdienst dadurch anerkannt wird, daß in ewiger Wiederkehr die fünf Bücher Moses vorgelesen werden. Keinen jüdischen Ritus gibt es, so verschieden von einander auch die Bräuche der einzelnen Länder sein mögen, der diese Vorschrift nicht besäße, und auch die ganz reformierten Gebetordnungen