Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 446 (sequence 7)
- Language
- German
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446;prägung in einem jedermann zugänglichen, jedermann verständlichen־ Satze gefunden hat. So ist es eigentlich nicht richtig, wenn man von Dogmen spricht, weil man dabei an Sätze, denkt, die auch in ihrem Wortlaut aus alten Zeiten stammen, während man in Wahrheit oft aus Lehren und Erzählungen die dogmatische Grundläge sich mühsam herausschälen muß. Besser dürfte es daher sein, von d o gmatischen Anschauungen zu sprechen, und unter ihnen jene Grundsätze des Glaubens und der Sittlichkeit sowie jene Richtlinien für das Leben zu verstehen, die ihren Ursprung auf göttliche Offenbarung zurückführen, die demnach weder aus empirischen noch aus rationalen Gedankengängen heraus sich ableiten lassen. So gibt es. denn im Judentum nicht einzelne Dogmen, die zu verschiedener Zeit entstanden sind und nur in einem losen, künstlich und mühsam konstruierten Zusammenhänge stehen, sondern es gibt nur ein Dogma, nämlich die Göttlichkeit der T h o r a l Diese aber ist ein in sich geschlossenes System. Und seine einzelnen Teile, der historische, der formale, wie der sachliehe seien nunmehr kurzer Betrachtung unterzogen. Es ist gewiß nicht ganz richtig, wenn im jüdischen Dogma diese drei Seiten gewissermaßen als gleichwertige, selbständige Größen unterschieden werden. Denn in Wahrheit sind sie nur drei verschiedene Betrachtungsweisen derselben Erscheinung. Was nun zunächst den geschichtlichen Offenbarungsvorgang anbetrifft, so> gibt es auch im Judentum fraglos trotz der bereits berührten Verschiedenheit vom Christentum eine Geschichte des D o g - m a s. Ursprünglich ist gewiß der engere GesetzgebungsVorgang am Sinai nebst dem Zehnwort in unserer Fassung als die eigentliche Offenbarung betrachtet worden. Von der Tatsache, daß es außer dem Ex 20217־־ angeführten und etwas abweichend Deut 5618־. wiederholten Dekalog noch deutliche Spuren eines anderen Ex 3414~26j gibt, braucht hier nur insofern die Rede sein, als er auf eine Un- Sicherheit in den ältesten Ueberlieferungen weist. Der Umstand, daß das uns geläufige Zehn wort bei der Wiederholung des Gesetzesim Deuteronomium angeführt wird, bestätigt, daß es schon früh dogmatische Geltung erlangt hat. Von dogmatischer Bedeutung des Offenbarungsaktes an sich sagt uns die Thora nichts, wenn auch gewiß der auf ihn bezügliche Ausdruck, ״sie glaubten an Gott und an Mose, seinen Diener“ aus der Anschauung geboren ist, die sie schafft, wobei freilich auch wieder einschränkend zu bemerken ist, daß unsere Auffassung des Wortes ״Glauben“ ganz entschieden vom Christentum beeinflußt ist, während es in jüdischer Denkweise mehr Gewicht auf das Vertrauen zu einer sittlichen Macht als auf die intellektuelle Anerkennung eines Tatsächlichen legt. Der weitere Hergang ist aber ganz klar. Der dogmatische Charakter dehnt sich auf den historischen Akt aus, der dann als fester Untergrund für die Wahrheit des offenbarten Glaubensinhalts gilt. Und erst von hier aus wird die ganze Thora in den Kreis des Dogmatischen gezogen. Wenn man geschichtlich diese Uebergänge zu erfassen und zu schildern versucht, bewegt man sich gewiß auf sehr unsicherem Boden. . Aber in der Zeit, da das allgemein eine Lehre bezeichnende