Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 445 (sequence 6)
- Language
- German
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445 meint war, ergibt sich schon aus der Tatsache, daß zunächst einmal jedes Selbstzeugnis der Thora und jede Aussage aus der Zeit der Bibel bis hinab zu Rabbi Akiba fehlt. Und auch dieser darf nur cum grano salis als der Vater der Verbalinspiration angesehen werden, da für ihn der feststehende Wortlaut der Thora in erster Reihe das Mittel war, um die Fülle des mündlichen Gesetzes, wenn auch nicht sachlich zu systematisieren, so doch übersichtlich im Gedächtnis zu ordnen. Dann aber legt die Thora selber auf den Wortlaut und seine Unveränderlichkeit einen nur geringen Wert, worauf ja schon neben vielen anderen Beispielen die Verschiedenheiten der beiden Fassungen des wichtigsten Offenbarungsinhaltes, der Zehn Gebote, hin weist. Die Lehre von der Göttlichkeit der Thora kann aber auch nicht bedeuten, daß sie inhaltlich in allen Stücken Anspruch auf Göttlichkeit und ewige Geltung macht. Daß alle ihre Lehren den göttlichen Charakter der Unveränderlichkeit und der Bedeutsamkeit für alle Zeiten besitzen, daß ihren rein erzählenden Teilen Göttlichkeit innewohne, ist schon aus dem Grunde ursprünglich nicht angenommen worden, weil insbesondere Mischna und Talmud für das praktische Leben oft etwas ganz anderes lehrten. Mag auch das Prinzip der Interpretation, mit dem aus dem alten Thoragute das neue Gesetz abgeleitet oder die Vorschrift der Thora praktisch außer Kraft gesetzt wird, die unendliche Ehrfurcht vor dem Schatze der alten Ueberlieferung offenbaren, so ändert das nichts an der Tatsache, daß der Schulchan aruch sachlich nicht die Thora ist, daß Thoragesetze durch ihn für die Praxis außer Kraft gesetzt worden sind, daß neues Gut in Hülle und Fülle von ihm zusammengetragen wird. Und so muß dem Begriffe der ,,Göttlichkeit der Thora" eine andere, tiefere Bedeutung zukommen. In Wirklichkeit dürfte er für das Wesen des jüdischen Dogmas grundlegend sein. Die Thora ist ein Ganzes, und als 1ein Ganzes will sie auch gewertet sein. Sie zerfällt in Wörter und Buchstaben, und diese fügen sich zusammen zu Sätzen. Aber nicht sie machen das Wesentliche der Offenbarung aus, sondern diese Eigenschaft kommt dem Geiste zu, der hinter ihnen steht, aus dem sie geboren sind. Und der ist einheitlich! Mögen auch einzelne Worte, mögen selbst ganze Sätze Widersprüche zu anderen Teilen des heiligen Buches enthalten, der Glaube, der das ganze erbaut, ist einheitlich; die Form, in der göttlicher Wille dem Menschen zum Wegweiser gemacht wird, ist einheitlich;die Auffassung vom Leben, die der gesetzliche und der geschichtliche Teil atmen, ist einheitlich. Und so ist die Thora in Wahrheit das System der Dogmen des Judentums! Die Göttlichkeit der Thora will nichts anderes besagen, als daß ihre Grundlagen dogmatisch sind, sei es, daß es sich um die historische Begründung der Glaubenslehre, sei es, daß es sich um die Form religiösen Lebens, sei es, daß es sich um seinen Inhalt handelt. Sie alle greifen ineinander, sie alle bilden zusammen ein einheitliches System. Von selber ergibt sich aber daraus, und das ist ganz charakteristisch für das jüdische Dogma, daß es nicht immer scharfe Aus-