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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 6 · p. Seite 444

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 6
Article
Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
Date
1926-01-01
Page
Seite 444 (sequence 5)
Language
German
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444 verursachte, als die innerliche Anerkennung, in diesen Formeln des. Judentums unveränderlichen Inhalt zu sehen. Die Notwendigkeit, den Begriff des Dogmas von der unter dem starken Einfluß des Christentums ihm gewordenen Gestaltung freizumachen, geht noch weiter. Wohl gleichen sich beide Religionen darin, daß die Dogmen auf historische Offenbarungsakte zurückgehen, aber im Judentum ist der Of fenbarungs- Vorgang unzertrennbar verbunden mit einer sittlichen Forderung, wohingegen im Christentum oft. das historische Ereignis an sich die dogmatische Prägung annimmt.. Das Christentum könnte zwischen grundlegenden und zufälligen Dogmen wohl unterscheiden. Die Himmelfahrt Christi ist zu einem Dogma geworden, hat im apostolischen Glaubensbekenntnis Aufnähme gefunden, die Jungfräulichkeit der Maria ist zu der gleichen. Stufe gelangt, ohne daß beide Glaubenssätze anders als durch starke homiletische Ausdeutungen zur Grundlage einer sittlichen Idee gemacht werden können. Das historische Dogma ist im christlichen Lehrgebäude Selbstzweck, während in dem historischen Dogma des Judentums, der Offenbarung am Sinai, der geschichtliche Vorgang lediglich der Untergrund ist, auf dem sich die Verkündung der grundsätzlichen Glaubens- und Sittenlehren erhebt. Ebenso wie das Wunder im biblischen Schrifttum eine Durchbrechung der־ Naturgesetze lediglich zu einem sittlichen Zwecke ist, ist auch das Dogma keine rein historische Tatsache, sondern, die Begründung einer sittlichen Lehre durch eine solche. Die rationalistische Betrachtungsweise des apologetisch erklärenden Menschen macht wohl den naiven Unterschied, daß die Dogmen des Christentums wider die Vernunft, die des Judentums aber ״vernünftig“ seien. In Wahrheit haben natürlich beide mit Logik und Vernunft, nichts zu tun. Wenn die christliche Theologie das ״credo quia. absurdum“ geschaffen hat, so ist das lediglich eine nachträgliche Auseinandersetzung mit denen, die das Dogma am Maßstabe der Vernunft messen wollen. Und an sich ist die göttliche Offenbarung am Sinai, insbesondere in ihrer Einzelgestaltung, genau so vernünftig oder unvernünftig wie die Auferstehung Christi oder die Himmelfahrt. Wahr ist aber, daß vor der Bedeutung der sittliehen Tat im Judentum das historische Ereignis in den Hintergrund getreten, ja unwesentlieh geworden ist, und daß so die Einzelheiten des Vorganges sich niemals zum Range von grundlegenden Dogmen erheben konnten. Es ist fraglos auch schon ein Einfluß der Dogmatik des Christentums, 1wenn man sich daran gewöhnt hat, die Offenbarung am Sinai iri dem engen Sinne als das Dogma zu betrachten, daß man lediglich den historischen Akt der Verkündung der zehn Gebote aus der Thora herausgreift. In Wirklichkeit hat man aber von jeher die ganze Thora in den Of fenbarungs Vorgang einbezogen und dafür den Ausdruck geprägt השמים |D תורה, hat demnach erklärt, d a ß die gesamte Thora vom Himmel, also göttlich sei. Was sollte eine solche Anschauung wohl bedeuten können? Daß eine Verbalinspiration in dem Sinne, wie sie insbesondere der strenggläubige Protestantismus später ausgebildet hat, nicht ge-־

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