Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 443 (sequence 4)
- Language
- German
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443 Seite alle Synoden und Vefeinigüngen von Gelehrten —: vom Synhedrion und den Kallahversammlungen begonnen — niemals die dogmatischen Grundlagen des Judentums zu ändern versuchten, sondern mit ihnen als gegebenen Größen rechneten. Man denke ferner daran, daß in die Geschichte des Bannes der christliche Einfluß gar zu deutlich hineinspielt, und daß er nirgends eine wirklich entscheidende oder auch nur nachhaltige Bedeutung gewonnen hat. Aus historischen wie inneren Gründen fehlt demnach dem jüdischen Dogma die gemeinschaftsbildende Kraft, und damit entfällt im wesentlichen Punkte die Möglichkeit, es mit dem christlichen Dogma auf eine Stufe zu stellen oder auch nur zu vergleichen. Wenn man als zweite charakteristische Eigenschaft der jüdischen Dogmen betonen kann, daß sie es zu keiner allgemein-;gültigen und anerkannten Formulierung gebracht haben, so spielt wohl dabei das geschichtliche Moment, die :.Zerstreuung und die Trennung, hinein. Die durch Länder und Meere weit voneinander getrennten Teile des jüdischen Volkes konnten naturgemäß, zumal in der Zeit des schlimmsten Druckes, keine Verständigung über die Formulierung von Religionssätzen suchen und finden. Historische Zufälle können aber nie erklären, warum das "biblische Judentum es gleichfalls für seine Zeit zu keinem feststehenden Wortlaut gebracht hat! Denn das gilt durchgängig! Wenn man meinen könnte, daß der Satz ,,Höre Israel“ dogmatische Prägung trägt, so darf man nicht vergessen, daß er lediglich durch seine Stellung im Gebete seine allgemeine Verbreitung; gefunden hat, -daß er aber seinen bevorzugten Platz im Gottesdienste nicht etwa -dem Umstande verdankt, daß er Kriterium der Rechtgläubigkeit ist. Der einzige feststehende Text, der — aus der Bibel stammend — schon in ihr einen gewissen sakralen Charakter verrät, und ihn bis in unsere Tage bewahrt hat, ist der Priestersegen, mit dem ׳durch die Jahrhunderte die Priester das Volk gesegnet haben. Er besitzt aber ganz gewiß keine dogmatische Bedeutung, sondern setzt nur einen dogmatischen Gedanken, nämlich die Existenz eines allmächtigen Gottes, voraus. Es ist nun durchaus charakteristisch, daß die Versuche, Glaubensformulierungen zu schaffen, erst dort . auftreten, wo der Einfluß nicht jüdischer Kulturen nachweisbar ist. Sie sind ein Ausfluß der religionsphilosophischen Denkweise, die in Wahrheit von dem Bewußtsein * der geistigen und methodischen Ueberlegenheit der nichtjüdischen Philosophie getragen ist und die darum auch äußerlich dem Judentum die Formen fremder Denkweise aufzwingen will. Wie das Judentum die stets wechselnden Systeme der ihm fremden Kultursphären überwunden hat, so sind auch diese Versuche zu keiner rechten Kraft gereift. Mögen auch die ,,Glaubensartikel" «׳des Maimonides im neueren Gebetbuche, durch das ״Jigdal“ im Gottesdienste1 ihre Stelle gefunden haben, so ist es doch mehr die Ehrfurcht vor einem gewaltigen Geiste, die solche Auszeichnung 1 Freilich nicht durchgängig. Im alten französischen und im Frankfurter Ritus wurde ״ Jigdal“ grundsätzlich nicht gebetet.