Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 442 (sequence 3)
- Language
- German
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442 Denkformen und unter dem Einfluß christlicher Ethik sucht. Die unbedingte Einzigartigkeit des Judentums, die eine vorbehaltlose Einreihung in die Erscheinungen der allgemeinen Religionsgeschichte nicht zuläßt, erstreckt sich auf jeden Teil, und auch der Begriff des Dogmas muß zunächst von allen Belastungen freigemacht werden, mit denen christliche Denkweise es beschwert hat. Wenn von vielen Seiten und so auch von Baeck mit Nachdruck darauf hingewiesen worden ist, daß im Judentum keine autoritative Behörde vorhanden ist, die Bedingungen der Rechtgläubigkeit fest״ setzt und über ihr Vorhandensein beim Individuum entscheidet, so empfindet man sofort, daß hierin nichts Zufälliges zu erblicken ist. Wer sein Bedauern darüber ausspricht, verkennt das Wesen unserer Religion. Das Judentum hat eine ganz andere Grundlage als andere Glaubensgemeinschaften. Be i diesen hat das Dogma eben gemeinschaftsbildende Kraft! Die Zugehörigkeit hängt lediglich vom Bekenntnis zu den Grund- Prinzipien ab, und es muß demnach eine Stelle geben, die einerseits die Bedingungen der Mitgliedschaft feststellt, andererseits im Einzelfalle zu entscheiden hat, ob die Anschauungen eines Gliedes sich noch mit dem Dogma vertragen. Wenn nun das Judentum eine solche Behörde nicht hatte und nicht hat, so liegt das nicht an dem äußerlichen Moment der Machtlosigkeit, sondern daran, daß sie im Ganzen jüdischen Lebens und Wollens ohne Sinn und ohne Daseinsberechtigung wäre, weil, wovon weiterhin ausführlich zu sprechen sein wird, in der Thora das System jüdischer Dogmen gegeben war und weil keine Macht der Welt imstande war und ist, einem jüdischen Menschen die Zugehörigkeit zu seiner Gemeinschaft abzusprechen. Jude ist man durch die Tatsache der Geburt, und wenn zuweilen Ansätze zu einer anderen Auffassung vorhanden zu sein scheinen, wenn es z. B. im Talmud (Meg. 13a) heißt, daß jeder, der den Götzendienst abschwört, Jude genannt wird, so hat das wenig mehr als rein haggadische Bedeutung. Auch wenn man sündigt, bleibt man Jude (Sanh. 44b), und wenn es etwas gibt, dem der character indelebilis zukommt, so ist es gewiß die Zugehörigkeit zum Judentum, das keine reine Religionsgemeinschaft ist, sondern das Abstammung und Volkstum — auch dieses natürlich nicht etwa in der politischen Auffassung unserer heutigen Zeit, sondern in einem dem Judentum allein eigenen Sinne verstanden — zu grundlegenden Kriterien des Judeseins gemacht hat. Gewiß steht der Primat des religiösen Gedankens theoretisch und geschichtlich insofern fest, als ohne ihn ein Judentum weder denkbar noch möglich ist; gewiß schafft dieser Umstand auch die Möglichkeit, daß in Einzelfällen Menschen nicht jüdischen Stammes ihren Uebertritt vollziehen können. Die Tatsache bleibt aber, daß man durch seine Abstammung Jude wird und daß kein Priester und keine Behörde, nicht einmal der Wille des Hinausstrebenden solches nach jüdischer Anschauung rechtsgültig zu ändern vermag. Man beachte die in diesem Zusammenhange bemerkenswerte Tatsache, daß alle Versuche, den Inhalt jüdischer Glaubensanschauung dogmatisch festzulegen, nicht das Werk von Behörden oder Versammlungen waren, sondern geniale Einfälle einzelner überragender Lehrer, und daß auf der anderen