Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 441 (sequence 2)
- Language
- German
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441 Was abgeleitet werden kann, was auf ein tieferliegendes Prinzip zurückgeht, ist niemals Dogma, mag es auch noch so wichtig und charakteristisch sein. Damit aber entfällt ein Teil der von Baeck zusammengestellten Punkte, die sich entweder voneinander ableiten lassen oder ethische Auswirkungen dogmatischer Glaubenssätze sind. Es darf aber des weiteren, wenn wir vorläufig einmal im Dogma — und hierüber wenigstens dürfte allgemeine Uebereinstimmung herrschen — den auf Offenbarung zurückgehenden Glaubensgrundsatz erblicken, nicht übersehen werden, daß es ein System von Dogmen geben muß. Wäre dem nicht so, würden Zufall und Willkür eine übermächtige Rolle spielen. Denn jede Religion will ein Ganzes, ein Einheitliches sein, und es geht nicht an, sie in ihrem wesentlichen Inhalt etwa in der einen Hälfte auf göttliche Offenbarung, zu einem weiteren selbständig neben dem ersten stehenden Teile aber auf andere Prinzipien, also beispielsweise auf Erfahrung oder Logik zurückzuführen. Gewiß wäre es denkbar, daß aus einem Dogma sich das ganze Gebäude der Glaubenslehre, also ein geschlossenes System der Religion konstruieren ließe. Wenn man aber im Judentum etwa die Existenz des einen Gottes als diese Grundlage ansieht, ist sofort ersichtlich, daß nur die wenigsten von den bei Baeck aufgeführten und den sonst in diesen Zusammenhang gehörigen Sätzen solche Ableitung zulassen. Demnach müssen sie selber dogmatischen Charakter haben oder auf Lehren dieser Art zurückgehen. Somit ergibt sich mit Gewißheit, daß es eine größere Anzahl von dogmatischen Anschauungen geben muß, die wiederum sich nicht widersprechen dürfen, sondern sich zu einem einheitlichen Ganzen fügen müssen. Wenn, wie es im Christentum der Fall ist, der Offenbarungsakte mehrere sind, können solche Differenzen sich wohl ergeben. Aber die in der Geschichte werdende Religion, die naturgemäß zur Einheitlichkeit strebt, sucht dann auszugleichen, und zu verbinden. Sobald das Christentum die Offenbarung am Sinai und die Einzigkeit Gottes anerkannte, andererseits aber die auf einem anderen Offenbarungs Vorgang beruhende Gottheit Jesu, dem dogmatischen Glaubensschatze einreihte, war das Bedürfnis nach dem Ausgleich da, und die Lehre von der Dreieinigkeit stellt die verlorengegangene Harmonie her. Das Christentum besitzt eine Fülle von Dogmen, in deren Werden sich die Geschichte von mindestens drei großen Kulturkreisen widerspiegelt, in denen daher auch durch die Zufälligkeiten des Zusammentreffens das Widerspruchsvolle sich findet. Es strebt nun gewiß zu einem System, und dieses Wollens Ergebnis ist die Dogmengeschichte. Ihre Schwierigkeiten und ihr Umfang rühren aber gerade aus der Unmöglichkeit her, die ganz disparaten Elemente miteinander auszugleichen. Je einheitlicher die Offenbarungsvorgänge sind, desto einfacher wird die Dogmengeschichte. Das Judentum, das nur einen historischen Offenbarungsakt kennt, besitzt demnach ein im allgemeinen einheitliches Lehrgebäude. Die Zusammenstellung Baecks stellt freilich das eigentliche System der Dogmen nicht dar. Um es zu finden, muß man sich, worauf ja Baeck schon weist, vor allem von der abwegigen Einstellung freimachen, daß man in christlichen.