Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die dogmatischen Grundlagen der jüdischen Religion
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 440 (sequence 1)
- Language
- German
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440 Die dogmatischen Grundlagen der Jüdischen Religion. |Von Felix Goldmann in Leipzig. In den letzten Heften der Monatsschrift ist von Scheftelowitz und von Baeck das Problem des jüdischen Dogmas behandelt worden. Ersterer hat nachgewiesen, daß aus dem religiösen Bewußtsein eines jeden Zeitalters die Sehnsucht spricht, den allgemein anerkannten religiösen Ideen eine scharf geprägte, für alle Glieder der Gemeinschaft gültige Formulierung zu geben, und daß als Erfolg dieser Willensrichtung eine ganze Anzahl von Versuchen vorhanden ist, die mit mehr oder weniger Autorität den Glaubensinhalt des Judentums zusammengefaßt haben. Letzterer hat gezeigt, daß von. einem Dogma in dem Sinne, den das Wort in der christlichen Entwicklung und in dem von ihrer Macht so unendlich beeinflußten allgemeinen Kulturleben angenommen hat, keine Rede sein könne, weil vornehmlich die autoritative Behörde gefehlt hat, die zur Verkündung von Dogmen das Recht und zur Durchführung von Be- Schlüssen dieser Art die Macht gehabt hätte. Sind damit zwei gewiß außerordentlich wichtige Seiten der Frage eingehend behandelt worden, so darf doch nicht übersehen werden, daß ihr Kernpunkt nur berührt worden ist. Wenn Scheftelowitz die historische Ent- Wicklung und Baeck die Unmöglichkeit der Anwendung des Christliehen Dogmenbegriffs auf jüdische Verhältnisse darstellt, so ist vom. Wesen jener grundlegenden Glaubenslehren, die auch das Judentum besitzen muß, von ihrem Ursprünge und von dem Grade ihrer Gewißheit damit noch nichts gesagt. Baeck hat allerdings die Tatsache, daß es grundlegende Lehrmeinungen gibt, als selbstverständlich vorausgesetzt und ihren Ur- Sprung wie ihr Wesen gestreift, wenn er sagt: ,,Niemand bezweifelt, daß das Judentum sich eine Offenbarung zuerkennt, daß es den einig einzigen Gott verkündet und in der Erfüllung seines Gebotes den Sinn des Menschenlebens findet, daß es die bildlose Verehrung Gottes fordert, daß es die Reinheit der Seele und die Versöhnung־ predigt und die Ewigkeit des Geistes verheißt, daß es vor den Menschen den Nebenmenschen hinstellt, daß es die Auserwählung Israels lehrt und, als deren Verwirklichung auch, das messianische Ziel, die Zukunft aufzeigt“. Von dieser Grundlage möge hier, wenn einige Bemerkungen zum Wesen des jüdischen Dogmas gemacht werden, zunächst ausgegangen sein, da sie auf charakteristische Eigenheiten des Judentums weist. Wie auch immer der Begriff ,,Dogma“ erklärt wird, in jedem. Falle besitzt er den Charakter eines unbedingt Grundlegenden und sein Ursprung entzieht sich der logischen wissenschaftlichen. Betrachtung. Es ist schlechthin der Beginn einer Entwicklung. Weder wird eine abgeleitete Glaubenslehre ein Dogma genannt werden können, noch darf man der auf der Glaubensgrundlage erwachsenden Sittenlehre, die zu jener in absoluter Abhängigkeit steht; diesen Namen beilegen. Und dabei kommt es nicht auf die* Stellung des in Betracht kommenden Glaubenssatzes, auf seine mehr oder weniger fundamentale Bedeutung im Ganzen der Religion an.