Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Konnte das alte Judentum Dogmen schaffen?
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 438 (sequence 6)
- Language
- German
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438 Zwang der Religionsverfolgüng eher den Märtyrertod zu erleiden als öffentlich irgend ein Gebot der Tora zu übertreten und dieser Satz nur zur Beruhigung des Gewissens derer dienen solle, die in den Zeiten der Religionsverfolgung zur Rettung ihres Lebens wichtige Gebote übertreten. Auch der den Pessimismus predigende Satz ‘Erubin 13 b, der in den Zeiten der unerträglichen römischen Tyrannei geprägt worden ist, gibt uns eine. Richtlinie, die ganz klar in den Worten liegt: ,,da er nun einmal erschaffen worden ist, gebe er s o r g f ä 11 i g A c h t auf seine Handlungen/' Keine Strafen, kein Bann ist für denjenigen vorgesehen, der gegen solche Richtlinien handelt, ihm werden nicht einmal himmlische Strafen angedroht. Wie anders verhält es sich aber mit dem von mir gekennzeichneten Dogma תחיית המתים, mit dem in unlöslichem Zusammenhang die festgeprägten Begriffe לעתיד לבא und עולם הבא stehen. Die Mignä Sanh. X, 1 bezeichnet ausdrücklich die Auferstehungslehre als von der Tora geboten, d. h. als unumstößlichen Offenbarungsinhalt1. Nicht nur der ganze, sehr umfangreiche Pereq XI von Sanhedrin handelt von dieser Lehre, sondern an unzähligen Stellen des Talmuds tritt sie als feststehende Lehre auf, z. B. Qiddu§in 39b, Pes. 119a, Ta'an 2 a, vgl. auch Schürer, Gesch. d. jüd. Volkes II, 4. Aufl., 636 ff. Das Auferstehungsdogma, woran kein einziger Rabbi zu zweifeln wagte, war das Schibolet für die Rechtgläubigkeit. Wer das תחיית המתים als heilige Offenbarung nicht anerkannte, galt als Ketzer und wurde deshalb aus der Gemeinde gestoßen (Sanh. 90b und 91a). Sonst durfte man, solange eine schwerwiegende Frage von den Rabbinen nicht endgültig entschieden war, die verschiedensten Meinungen darüber vortragen; ohne in den Ruf eines Ketzers zu kommen, So behauptete R. Jose: Mose und Elia wären niemals in den Himmel gestiegen (Sukkä 5a), ein anderer Rabbi äußerte sich, die Raben, die Elia in der Wüste gespeist haben, wären keine Vögel gewesen, sondern nur als Namen von Männern aufzufassen (Hullin 5a), wieder ein anderer lehrte, Hiob habe niemals gelebt, sondern die Erzählung sei nur eine Dichtung (Bäbä Baträ 16a). Hingegen galten diejenigen, die den Auferstehungsglauben nicht anerkannten, als Söhne der Hölle (vgl. R5§ has§. 17a: ושכפרו בתחיית המתים. יורדים לגיהנם ונדונים בה), deren Schriften verbrannt werden müssen und deren Verkehr gemieden werden müsse. Nicht einmal bei Lebensgefahr solle man in den Häusern der Sadduzäer Zuflucht suchen. Aus demselben Grunde trugen die Rabbiner anfänglich schwere Bedenken, das Buch Qohelet, das angeblich von Salomon verfaßt ist, in den Kanon aufzunehmen. Erst als es ihnen gelang, mittels gekünstelter Erklärungen die anstößigen Sätze mit den Glaubensvorstellungen in Einklang zu bringen, wurde es für heilig erklärt. In der 2. Benediktion der Tefillä wird diese Auferstehungslehre viermal erwähnt. Diese mehrmalige Betonung der Auferstehung geschieht ״in dem weit einfacheren Texte der paläst. Tefillä nicht so häufig, wie im verbreiteten Wortlaut, aber auch dort gilt ihr die Eulogie, und man merkt es deutlich, daß 1 Wenn in derselben Misna noch andere, nicht damit in Zusammenhang stehende Dinge aufgezählt werden, so ist dieses die Eigenart sehr vieler Misnas.